Die Nachrichten und der Wetterbericht

Hier die aktuellen News vom Lande: Sobald ich morgens aus der Tür trete, rennen mir die Hühner jetzt immer schon aufgeregt entgegen. Das war vorige Woche noch nicht so. Haha, Herr Pawlow lässt grüßen! Im Stroh bei den Enten habe ich heute drei Eier gefunden. Da bin ich dann ganz aufgeregt zu den Hofleuten gerannt. Kriegen wir jetzt bald Entenküken? Nee, zu dieser Jahreszeit brüten sie noch nicht. Wir werden die Eier also aufessen.

Die rote Katze, die keinen Namen hat, sondern immer nur “Wildkatze” genannt wird, weil sie so scheu und besonders eigen ist, hat sich heute das erste Mal von mir streicheln lassen. Zugegeben habe ich sie immer mal wieder mit angeknacksten Hühnereiern bestochen. Als wir dann gemütlich auf dem Heuboden herumgelümmelt haben, hat sie mich lange angeguckt – mit Augen, alt wie die Welt. Die Hofleute sagen, sie war schon immer hier, lange bevor sie den Hof gekauft haben…

Der Wetterbericht: Der ganze Schnee ist leider schon wieder weg. Die schöne Pracht… Seit Sonntag haben wir Tauwetter, zuerst mit Nebel und Niesel, dann mit viel Regen und schließlich mit Sturm. Jetzt ist alles wie frisch gewaschen und gleich wieder trockengeföhnt. Und der Ententeich wird bald wieder den Enten gehören.

 

Kindermund und Kinderaugen

Neben den Streifzügen durch die Natur gibt diese vierköpfige Rasselbande – wie die Orgelpfeifen zwischen 14 Monaten und knapp sieben Jahren – meinem Alltag stets das besondere Etwas. Inzwischen haben wir die Nischen erkannt und nutzen sie fleißig, wenn die Kinder mal nicht von den argwöhnischen Augen des gestrengen Elternpaares bewacht werden. Denn als Au-Pair-Oma genieße ich schließlich die gleichen Vorzüge, wie sie echte Großeltern in der Regel haben. Diesen herrlichen Spruch hier hat mir meine Schwester vor ein paar Tagen zugeschickt:

“Nach jedem Besuch bei der Oma ist das Kind erzieherisch
wieder auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt.”

Jawoll! Und so resette ich die lieben Kleinen immer mal ein bisschen, denn diese Werkseinstellungen werden leider von so vielen Seiten bedroht und angegriffen – Eltern, Kita, Schule, Fernsehen – dass sich schließlich irgendjemand hin und wieder darum kümmern muss. Als “Gegenleistung” bekomme ich all das, was kleine Kinder stets und ständig austeilen, verschwenderisch und ohne Hintergedanken: Stauneaugen, Kindermund, Kinderfragen, Lieder, Ideen – und Kinderzeichnungen.

20160118-DSC_0116

Das bin ich, gezeichnet von Ella. Sie wird im Mai sieben.

Heute hole ich das Mädel von der Schule ab. Bevor wir dann mit dem Bus zum Hof zurückfahren, gehen wir in Kungsbacka noch ein bisschen gemeinsam geocachen.

Und hier noch ein anderer Spruch. Auch der war letztens in einer Mail von meinem lieben Schwesterlein:

In der Jugend studiert man Erwachsene,
um klug zu werden.

Im späteren Leben studiert man Kinder,
um glücklich zu werden.

Es gibt keinen Neuschnee? Aber ja doch!

Auch wenn Tucholsky steif und fest behauptet, es gäbe keinen Neuschnee, und es wäre immer schon einer vor mir dagewesen, und das, was ich fühle und erlebe, hätten schon viele andere vor mir gefühlt und erlebt – so wage ich doch zu behaupten: Natürlich gibt es Neuschnee, richtig unberührten Neuschnee! Und es ist nicht schon immer einer vor mir dagewesen! Und das, was ich fühle und erlebe, ist einzigartig und genau so hat es noch nie jemand vor mir gefühlt und erlebt. Nicht hundertprozentig genau so!

Was ich am besten am Leben auf dem Land finde, ist die Nähe zur Natur. Man geht einfach vor die Tür und ist mittendrin – oder besser gesagt mittendraußen. Man braucht nicht erst in einen Bus oder eine Bahn zu steigen, um lange aus der großen Stadt heraus zu fahren, sondern man zieht sich eine Jacke über und ein Paar Stiefel an – und macht einfach nur die Tür auf.

Gestern bin ich mal wieder an den See hinunter gegangen, und jedes Mal denke ich: Nun müsste er aber langsam mal zufrieren, dieser See, nach so vielen Tagen mit Minusgraden, zum Teil vielen Minusgraden. Aber der Herbst und der Dezember waren so mild, dass dieser lange und tiefe See immer noch davon zehrt und keine Anstalten macht, sich eine Eisdecke zuzulegen. Den Weg hinunter an den See – es ist ein guter halber Kilometer – bin ich nun schon etliche Male gegangen, aber trotzdem war es jedes Mal anders. Das Wetter war anders, das Licht, der Schnee… Mal war Rauhreif, mal war Nebel.

Im Moment ist alles weiß. Sehr weiß. Und der Weg ist beinahe wie ein Tunnel. Kein Laut ist zu hören und man fühlt sich irgendwie sehr weit weg, obwohl man eigentlich gar nicht weit weg ist. Die Schneelast hat die schmalen Birken dazu gebracht, sich tief zu verneigen. Bei einigen schüttele ich den Schnee herunter, aber sie stehen nicht wieder auf. Dazu hat der Schnee wohl schon zu lange draufgelegen. Seit dem großen Schneefall vor vier Tagen müssen sie schon so gestanden haben. Damit ist ihr Schicksal besiegelt.

Aber was mich am meisten erstaunt: Es ist tatsächlich noch keiner vor mir dagewesen! Die ganzen vier Tage nicht! Es gibt also Neuschnee! Und demnach ist das, was ich jetzt gerade fühle und erlebe, das mit den Birken und alles andere, auf jeden Fall einzigartig.

Landeier brauchen kein Fitnesstudio

Wahrscheinlich habe ich gestern den Winter zu sehr gelobt. Da ist er ganz übermütig geworden und hat über Nacht nochmal 25 cm Neuschnee geschickt. Als sich der Herr Papa heute früh mit der gesammelten Kinderschar auf den Weg machen wollte, ist er nur mit Müh und Not vom Hof gekommen, trotz der typisch nordischen Winterreifen, die hier alle mit kleinen Spikes versehen sind.

Und so wurden meine anderen Aufgaben heute alle gecancelt, bis auf das Feuer, die Tiere und das Abendessen – und ich habe von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Schnee geschippt und Schnee gefegt und Schnee geschoben und Schnee heruntergeschüttelt… Hat sich zum Schluss angefühlt, als hätte ich ein halbes Fußballfeld vom Schnee befreit. Na, das gibt einen herrlichen Muskelkater morgen!

 

Winterzauber und Winterfroiden

Endlich ist richtiger Winter! Mit Frost und Schnee und allem, was dazugehört! Allein oder zusammen mit den Kindern der Familie genieße ich die weiße Pracht, wir laufen Schlittschuh auf dem Ententeich und rodeln gleich hinter dem Haus den langen Abhang hinunter. Zurück im Haus bullert im Kamin das Feuerchen, und in der Küche gibt es heiße Schokolade. Die Kinder streuen sich kleine bunte Marshmallows drauf, ich ziehe Schlagsahne vor.

20160118-P1180069

Winterzauber und Winterfroiden – alle Bilder

Die Katzen und der Muskelkater

Auf der Tarotkarte, die ich in der Neujahrsnacht gezogen habe, waren unter anderem eine Schnecke und Weintrauben drauf. Eine Schnecke hat es nicht besonders eilig, und außerdem trägt sie ihr Haus auf dem Rücken mit sich herum. Sie braucht also keine Immobilie. Eine Immobilie macht immobil. “Mobilis in mobile” ist das Motto, das Kapitän Nemo seiner Nautilus gegeben hatte: Beweglich im beweglichen Element.

Nun, wo mich das Schicksal von einem festen Wohnsitz befreit hat, habe ich mir ein klitzekleines Häuschen auf den Rücken geschnallt und bin ein Vagabund geworden. Da mir gleichzeitig auch die Arbeit abhanden gekommen ist, ich allerdings absolut keinen Bock auf Arbeitsamt, Bewerbungen schreiben und Vorstellungsgespräche habe, drehe ich dem Wohlfahrtsstaat mit all seinen ausgeklügelten Systemen, Formularen, Anträgen und so weiter eine lange Nase – und versorge mich auf meine eigene Weise.

Wie lange geht man im Durchschnitt arbeiten, um für das Wohnen und sein Essen zu sorgen? Ich bin jetzt ungefähr 30 Stunden in der Woche tätig – und bekomme dafür ein eigenes Zimmer und kann essen, soviel ich mag. Und nicht mal einkaufen brauche ich! Außerdem habe ich Familienanschluss, ich bin viel im Freien und ich kann mir meine Arbeit selbst einteilen. Das Konzept, das dahinter steckt, nennt sich WWOOF – World-Wide Opportunities on Organic Farms. Ich bin jetzt also ein WWOOFer. In dem ACT-Buch, das mir letztes Jahr so oft geholfen hat, steht das A für Akzeptanz und das C für Commitment, also Engagement, Selbstverpflichtung. Nachdem man sein Schicksal akzeptiert hat, soll man am besten etwas tun, was im Einvernehmen mit den eigenen Werten steht.

Auf dem Land zu leben und auf einem Öko-Bauernhof im Einklang mit der Natur tätig zu sein, das passt prima zu meinen Werten. Außerdem verschafft mir dieses WWOOF-Projekt die Möglichkeit, mir eine – in der Länge noch unbestimmte – Auszeit zu gönnen, damit ich mich vom Schicksalsschlag des letzten Jahres erholen und neue Wege erforschen kann. Und das alles ohne jeglichen institutionellen Rahmen, ohne einen einzigen Behördenweg, ohne Verträge, Zwänge oder Rechenschaften. Ich mache einfach das, was auf einem Bauernhof in der Regel zu tun ist, aber gleichzeitig auch nur das, was ich mir zumute und zutraue, mal acht Stunden am Tag, mal nur die Hälfte. Und wenn es passt, nehme ich mir auch mal einen ganzen Tag frei. Oder zwei.

Der Hof, auf dem ich jetzt die Wintermonate verbringe, liegt eine halbe Autostunde von Göteborg entfernt am schönen See Lygnern. Hier werden verschiedene Tiere gehalten – und hier wird Wein angebaut. (Meine Tarotkarte!) Außerdem gibt es in der Familie vier Kinder im Alter von 14 Monaten bis knapp sieben Jahren, was an sich schon ein ganz eigenes Betätigungsfeld ist. Und so bin ich nun sowohl Hilfe auf dem Hof als auch so eine Art Au-Pair-Oma.

Mein Tagesablauf ist ungefähr so: Morgens helfe ich, die Kinder und ihre Eltern auf den Weg zu bringen, schmiere Stullen, suche immer wieder Mützen oder Handschuhe, stopfe zappelnde Kleinkinder in dicke Winteroveralls… Sind dann alle aus dem Haus, mache ich erstmal drei Kreuze und dann sogleich ein schönes Feuerchen im Kamin, ich koche Tee und gönne mir ein ausgedehntes Frühstück, während ich lange in die Flammen starre. So physisch und psychisch aufgeladen, gehe ich hinaus in die Kälte und versorge erstmal alle Tiere. Das dauert im Moment etwas länger, da ich alles Wasser aus der Waschküche in den Stall schleppen muss, denn im Stall ist die Leitung eingefroren.

Sind die Tiere versorgt, mache ich irgendwas, was drinnen oder draußen gerade zu erledigen ist. Im Moment hat vieles mit der Jahreszeit zu tun. Mal muss ich Schnee schippen, mal den Tieren ein extra warmes Nest bauen, mal Brennholz hacken und stapeln, mal überall den Weihnachtsschmuck entfernen – und das ist in einem schwedischen Haus die Arbeit eines ganzen Vormittages. Dann darf auf keinen Fall das Feuer ausgehen. Nebenbei sehe ich zu, dass der Geschirrspüler, die Waschmaschine und der Wäschetrockner nicht einfach nur faul herumstehen.

Nach einem kleinen Mittagessen mache ich am Nachmittag gern einen kurzen Spaziergang, entweder hinunter an den See oder hinauf in den Wald. Wenn die Sonne sich dann schon wieder dem Horizont zuneigt, ist es Zeit, das Abendessen vorzubereiten. Hier habe ich Hilfe vom hiesigen Supermarkt, der für berufstätige Eltern sowohl die Rezepte als auch die Zutaten für fünf warme Abendmahlzeiten maßgeschneidert in zwei großen Einkaufstüten zusammenstellt, die man sich immer montags dort abholt. Man braucht sich also keinen Kopf machen und auch keine Einkaufsliste, sondern einfach nur anfangen zu kochen. Den Abend verbringe ich mit den Kindern, den Eltern oder auch mal allein auf meinem Zimmer, je nachdem, wie mir zumute ist.

Ich habe zwar kein Einkommen, aber ich gebe ja auch nix aus, solange ich hier auf dem Hof bleibe und damit zufrieden bin. Die große Stadt habe ich bisher noch kein bisschen vermisst. Mal sehen, wie lange das anhält.

20160114-P1140128

Mein neues Leben – die ersten Bilder

Zwei Tage mit schönem Pulverschnee

Der Winter hat mal kurz in Berlin vorbeigeschaut während der letzten Tage. Inzwischen sind jedoch die Plusgrade wieder zurückgekehrt und alles zeigt sich bereits von der matschigen Seite.

Einige Schnappschüsse von meiner Winterwanderung am Mittwoch wollte ich hier aber noch einkleben, bevor ich mich wieder auf den Weg in den Norden mache…