Die Katzen und der Muskelkater

Auf der Tarotkarte, die ich in der Neujahrsnacht gezogen habe, waren unter anderem eine Schnecke und Weintrauben drauf. Eine Schnecke hat es nicht besonders eilig, und außerdem trägt sie ihr Haus auf dem Rücken mit sich herum. Sie braucht also keine Immobilie. Eine Immobilie macht immobil. “Mobilis in mobile” ist das Motto, das Kapitän Nemo seiner Nautilus gegeben hatte: Beweglich im beweglichen Element.

Nun, wo mich das Schicksal von einem festen Wohnsitz befreit hat, habe ich mir ein klitzekleines Häuschen auf den Rücken geschnallt und bin ein Vagabund geworden. Da mir gleichzeitig auch die Arbeit abhanden gekommen ist, ich allerdings absolut keinen Bock auf Arbeitsamt, Bewerbungen schreiben und Vorstellungsgespräche habe, drehe ich dem Wohlfahrtsstaat mit all seinen ausgeklügelten Systemen, Formularen, Anträgen und so weiter eine lange Nase – und versorge mich auf meine eigene Weise.

Wie lange geht man im Durchschnitt arbeiten, um für das Wohnen und sein Essen zu sorgen? Ich bin jetzt ungefähr 30 Stunden in der Woche tätig – und bekomme dafür ein eigenes Zimmer und kann essen, soviel ich mag. Und nicht mal einkaufen brauche ich! Außerdem habe ich Familienanschluss, ich bin viel im Freien und ich kann mir meine Arbeit selbst einteilen. Das Konzept, das dahinter steckt, nennt sich WWOOF – World-Wide Opportunities on Organic Farms. Ich bin jetzt also ein WWOOFer. In dem ACT-Buch, das mir letztes Jahr so oft geholfen hat, steht das A für Akzeptanz und das C für Commitment, also Engagement, Selbstverpflichtung. Nachdem man sein Schicksal akzeptiert hat, soll man am besten etwas tun, was im Einvernehmen mit den eigenen Werten steht.

Auf dem Land zu leben und auf einem Öko-Bauernhof im Einklang mit der Natur tätig zu sein, das passt prima zu meinen Werten. Außerdem verschafft mir dieses WWOOF-Projekt die Möglichkeit, mir eine – in der Länge noch unbestimmte – Auszeit zu gönnen, damit ich mich vom Schicksalsschlag des letzten Jahres erholen und neue Wege erforschen kann. Und das alles ohne jeglichen institutionellen Rahmen, ohne einen einzigen Behördenweg, ohne Verträge, Zwänge oder Rechenschaften. Ich mache einfach das, was auf einem Bauernhof in der Regel zu tun ist, aber gleichzeitig auch nur das, was ich mir zumute und zutraue, mal acht Stunden am Tag, mal nur die Hälfte. Und wenn es passt, nehme ich mir auch mal einen ganzen Tag frei. Oder zwei.

Der Hof, auf dem ich jetzt die Wintermonate verbringe, liegt eine halbe Autostunde von Göteborg entfernt am schönen See Lygnern. Hier werden verschiedene Tiere gehalten – und hier wird Wein angebaut. (Meine Tarotkarte!) Außerdem gibt es in der Familie vier Kinder im Alter von 14 Monaten bis knapp sieben Jahren, was an sich schon ein ganz eigenes Betätigungsfeld ist. Und so bin ich nun sowohl Hilfe auf dem Hof als auch so eine Art Au-Pair-Oma.

Mein Tagesablauf ist ungefähr so: Morgens helfe ich, die Kinder und ihre Eltern auf den Weg zu bringen, schmiere Stullen, suche immer wieder Mützen oder Handschuhe, stopfe zappelnde Kleinkinder in dicke Winteroveralls… Sind dann alle aus dem Haus, mache ich erstmal drei Kreuze und dann sogleich ein schönes Feuerchen im Kamin, ich koche Tee und gönne mir ein ausgedehntes Frühstück, während ich lange in die Flammen starre. So physisch und psychisch aufgeladen, gehe ich hinaus in die Kälte und versorge erstmal alle Tiere. Das dauert im Moment etwas länger, da ich alles Wasser aus der Waschküche in den Stall schleppen muss, denn im Stall ist die Leitung eingefroren.

Sind die Tiere versorgt, mache ich irgendwas, was drinnen oder draußen gerade zu erledigen ist. Im Moment hat vieles mit der Jahreszeit zu tun. Mal muss ich Schnee schippen, mal den Tieren ein extra warmes Nest bauen, mal Brennholz hacken und stapeln, mal überall den Weihnachtsschmuck entfernen – und das ist in einem schwedischen Haus die Arbeit eines ganzen Vormittages. Dann darf auf keinen Fall das Feuer ausgehen. Nebenbei sehe ich zu, dass der Geschirrspüler, die Waschmaschine und der Wäschetrockner nicht einfach nur faul herumstehen.

Nach einem kleinen Mittagessen mache ich am Nachmittag gern einen kurzen Spaziergang, entweder hinunter an den See oder hinauf in den Wald. Wenn die Sonne sich dann schon wieder dem Horizont zuneigt, ist es Zeit, das Abendessen vorzubereiten. Hier habe ich Hilfe vom hiesigen Supermarkt, der für berufstätige Eltern sowohl die Rezepte als auch die Zutaten für fünf warme Abendmahlzeiten maßgeschneidert in zwei großen Einkaufstüten zusammenstellt, die man sich immer montags dort abholt. Man braucht sich also keinen Kopf machen und auch keine Einkaufsliste, sondern einfach nur anfangen zu kochen. Den Abend verbringe ich mit den Kindern, den Eltern oder auch mal allein auf meinem Zimmer, je nachdem, wie mir zumute ist.

Ich habe zwar kein Einkommen, aber ich gebe ja auch nix aus, solange ich hier auf dem Hof bleibe und damit zufrieden bin. Die große Stadt habe ich bisher noch kein bisschen vermisst. Mal sehen, wie lange das anhält.

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Mein neues Leben – die ersten Bilder

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