Body & Soul

Auf dem Hof in Fjärås hatten wir ja auch eine Sauna, aber die war infrarot und das ist irgendwie wie Mikrowelle. Die Luft wird nicht warm, und der Körper auch nur dort, wo er angestrahlt wird. Hier nebenan im Kurszentrum haben sie eine richtige finnische Sauna im Keller, und da war ich heute zusammen mit Tingting nach der Arbeit. Der Vorteil mit dieser Hippie-Sauna ist außerdem, dass sie niemals nach Männchen und Weibchen sortiert ist, sondern so schön gemischt, wie ich es aus guten alten DDR-Zeiten gewohnt bin. Und so habe ich heute zusammen mit einem dänischen Guru geschwitzt und bin hinterher unter die Dusche, die er gerade benutzt hatte. Und weil ich neugierig war, ob er ein Warmduscher ist, habe ich sie nicht verstellt. Sie war überhaupt nicht kalt! Dafür hatte er aber beim Duschen ein ziemliches Gewese gemacht. Hihi!

Vormittags bei der Arbeit habe ich Radio gehört, ganz normales schwedisches Radio also, kein Webradio und auch nicht mit Hörstöpseln, denn von Hörstöpseln kriege ich Kopfweh. Da haben sie zwei Teile eines Oratoriums von Haydn gespielt, nämlich den Frühling und den Sommer aus den Jahreszeiten. Da ist mir richtig das Herz aufgegangen! Nicht nur, weil sie so schön deutlich auf Deutsch gesungen haben, hier inmitten meiner Bullerby-Idylle, sondern auch weil der Text so poetisch ist und so schön zum Frühlingserwachen passt. Außerdem ist der Sonnenaufgang aus dem “Sommer” ein richtiger musikalischer Volltreffer! 🙂

Sie steigt herauf, die Sonne,

sie steigt, sie naht, sie kommt,

sie strahlt, sie scheint!

Sie scheint in herrlicher Pracht,

in flammender Majestät!

Oliver latte

Obwohl ich jeden Morgen zuerst aufstehe, bin ich doch nicht die Erste in der Küche. Die gesammelt Katzenschar wartet dort regelmäßig schon auf mich und schaut vorwurfsvoll in die leeren Futternäpfe. Zwei von ihnen sind Zwillinge, ganz schwarz, die keiner so richtig auseinanderhalten kann. Sie sind noch jung und verspielt. Sie fischen gerne im Goldfischteich und tragen andauernd halbtote Mäuse ins Haus. Der dritte im Bunde ist ein dicker getigerter Katzenopa, der immer gelassen und entspannt ist. Er hört auf den Namen Oliver, und Tingting hat sogar einen Kaffee nach ihm benannt. Jeden Abend kommt er ein Stündchen zu mir ins Zimmer, lässt sich kraulen und geht dann wieder seiner Wege.

Bastevik und Börs flåg

Auf dem Waldfriedhof in Falkenberg, wo jetzt die Waldengel-Asche vergraben ist, war ich früher hin und wieder zum Spazierengehen. Während der Waldengel den halben Tag mit seinem Team irgendwo in einem Keller Schach gespielt hat, bin ich lieber am Meer und im Wald herumgelaufen.

Jetzt mag ich dort nicht mehr hingehen, auf den Friedhof also. Dass er dort als Pulver in einer Vase unter der Wiese liegt, das akzeptiere ich einfach nicht. Waldengel kann man doch nicht begraben! Und man kann auch kein Pulver aus ihnen machen! Sie verwandeln sich ganz einfach in etwas anderes. Und um ihnen nahe zu sein, muss man nur an die Plätze gehen, die sie gern gemocht haben. Diese befinden sich natürlich im Wald, aber keinesfalls auf einem Friedhof.

Im September 2013 waren wir hier in der Gegend zum Geocachen und zum Zelten, der Waldengel und ich. Gestern bin ich zu der Bucht geradelt, wo wir damals eine tolle Night-Cache-Runde gemacht und dann auch gleich am Seeufer im Wald übernachtet haben. Die Bucht heißt Bastevik. Dort gibt es einen schönen Badestrand, wo ein großes Schild aufgestellt ist: “No Camping!” Um dieses Schild haben wir uns natürlich nicht gekümmert. Dort wo wir unser Zelt aufgeschlagen haben, hätte uns sowieso keiner gefunden.

 

Gegenüber der Badebucht befindet sich ein Berg, der ganz steil aus dem See herausragt, fast 100 m! Sein Name ist Börs flåg. Den hatten wir uns damals tagsüber aus der Nähe angesehen. Das wollte ich heute eigentlich nochmal machen, aber heute hat es den ganzen Nachmittag geregnet. Dann mache ich es eben ein anderes Mal!

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Die Bilder, die ich gestern am See gemacht habe, gibt es hier.

Freak out!

Ich muss da zu meinem Eintrag von gestern noch was nachlegen. Sicher kam es so rüber, als würde ich mich über die Hippies einfach nur lustig machen. Okay, ein bisschen amüsiert habe ich mich tatsächlich, dass Leute in meinem Alter und älter (aber auch jünger) so etwas so ernst nehmen. Ich musste bei unserer Fanatasie- und Zeitreise nach Jerusalem immer an “Life of Brian” denken und beim Ringelpietz mit Anfassen an unsere Reigenspiele im Kindergarten.

Also habe ich dann gestern noch den ganzen Abend mit Åke, meinem Chef, Ökobauern und Gründer des Kurszentrums hier nebenan, über diese Leute geredet. Er kennt sie ja alle – und er sagt folgendes: Es gibt diese New-Age-Hippies, die allerlei esoterischen Schabernack betreiben. Die nimmt er nicht ernst. Aber dann gibt es Leute, die versuchen, irgendwie alternativ zu leben und in/an alternativen Projekten arbeiten. Die ernsthaft meditieren und Kurse zur persönlichen Weiterentwicklung besuchen oder Kurse in Naturheilkunde oder Akupunktur. Die treffen sich eben gerne auf solchen Sessions, um Gemeinschaft zu fühlen und sich auf ihrem alternativen Weg gegenseitig zu bestärken.

Und dann hat er mir von einigen auch ganz konkret was erzählt. Carl zum Beispiel ist Dokumentarfilmer, und er hat unter anderem einen sehr interessanten Film über die Kooperative auf dem Monte Verità gemacht. Kenia malt, töpfert und schreibt Lieder. Anna war 1986 Miss Sweden, später Fotomodell in den USA und ist jetzt sehr aktiv im Kurszentrum. Über ihre Tochter Freia hat Carl auch einen Film gemacht. Ben, unser Hippie-Anführer, ist Tischler und seine schönen Möbel stehen auch hier bei Åke im Haus. Akasha organisiert jedes Jahr das Space of Love Festival auf Öland, wo auch Tim und Vigyan Lehrer sind.

Da war ich ganz schön beeindruckt, und dann etwas betreten, weil ich diese Leute doch etwas vorschnell beurteilt hatte. Das lag sicher auch daran, dass sich gestern keiner zu Beginn der Session präsentiert hat. Jeder hat nur seinen Namen gesagt und was er sich für den gemeinsamen Tag wünscht. Und das hatte mir ja eigentlich gut gefallen.

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Ackerbau in der Vegetabilen Cooperative Monte Verità (1907)

The server of the seeds

Also: Eigentlich sind wir, Herr Möwe und ich, am Karfreitag immer in irgendein kleines Kirchlein gefahren, am liebsten auf dem Land, und haben uns eine Stabat Mater angehört. Wenn es keine Stabat Mater gab, haben wir auch eine Passion genommen. Christi Leidensweg in einem Chorsatz, das ist wohl im Großen und Ganzen mein passiver Beitrag zum Kirchenjahr. Manchmal mit einem Messias oder einem Stück Weihnachtsoratorium zum Jahresausklang.

Dieses Jahr habe ich am traurigen Freitag mal ganz was anderes gemacht – und jetzt im Nachhinein bin ich mir sicher, dass das eine Eintagsfliege war. Tingting hatte mich überredet, an so einer Hippie-Session teilzunehmen. Sie geht da manchmal hin, um den Kontakt mit ihren Nachbarn hier zu pflegen. Viele der Nachbarn sind nämlich Hippies und die meisten gehen bei uns im Laden einkaufen. Da muss man hin und wieder auch zu ihnen gehen, wenn sie sich treffen und singen und umarmen, zusammen meditieren und sich überschwängliche Worte mit auf den Weg geben.

Anstrengend für mich war, dass man fast den ganzen Tag auf dem Fußboden sitzen musste und dass außerdem alle Englisch miteinander gesprochen haben, obwohl die allermeisten Schwedisch als Muttersprache hatten. Als ich meine “Worte zum Tag” geäußert habe, bin ich einfach bei Schwedisch geblieben, denn in dieser Sprache kann ich mich viel blumiger ausdrücken als in Englisch. Und um Blumen, das Erwachen und den Baum des Lebens ging es heute den ganzen Tag. Da habe ich eben einfach von den Hunderten und Tausenden kleiner Samen berichtet, die ich gerade Woche für Woche in die duftende schwarze Erde versenke – und dann immer wieder staunend erlebe, wie daraus wirklich Pflanzen werden.

“I serve the server of the seeds”, sagte dann nach dem gemeinsamen Mittagessen unser Hippie-Anführer, als er mir den Teller aus der Hand nahm, um ihn in den Geschirrspüler zu stellen.

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So ungefähr saßen wir den ganzen Tag herum. (Fotografiert habe ich aber heute nicht.) Wenn gesungen wurde, dann hat es mir tatsächlich Spaß gemacht. Und in diesem kleinen Film machen unsere Hippie-Nachbarn Werbung für ein Hippie-Festival, das hier im Sommer immer mal wieder stattfindet. Unser See und unser Haus sind auch zu sehen.

Durchlöcherte Nicht-Ostereier

Mit einer waschechten Chinesin unter einem Dach zu wohnen, das ist schon eine spannende Sache. Tingting, die nicht nur aus dem Reich der Mitte, sondern sogar aus der Mitte des Reiches der Mitte kommt, verbringt immer den ganzen Winter in ihrer Heimat und kommt dann Anfang März mit zwei großen Koffern voller chinesischer Lebens- und Naturheilmittel wieder nach Europa zurück. Sie kocht sehr traditionell und je nachdem, welchen der chinesischen Kalender sie benutzt, feiert sie gerade an vier verschiedenen Tagen im März und April ihren Geburtstag. Sie geht täglich in den Wald und macht dort auf einer Lichtung Tai-Chi, und manchmal kann ich das Bad nicht benutzen, weil sie da gerade irgendwelche Kräuter abgebrannt hat.

Da ich mich bisher nur ganz wenig mit China, dem Alltag dort und seinen Traditionen beschäftigt habe, nutze ich nun die Gelegenheit und frage Tingting regelmäßig ein Loch in den Bauch. Da sie mindestens genauso neugierig ist, was das Leben in Deutschland und speziell in der DDR betrifft, gleicht sich der Gewichtsverlust im Bauchbereich in der Regel komplett wieder aus. Ostern zum Beispiel und das mit den Eiern und den Hasen… Ostern feiert man in China gar nicht, während solche den Konsum ankurbelnden Feste wie Weihnachten, Valentins-, Vater- und Muttertag sich schon eher eingebürgert haben. Und also gibt es in China auch keine kunstvoll bemalten Ostereier, wie ich mir das irgendwie vorgestellt hatte. Aber als ich Tingting ganz stolz unsere schmucken sorbischen Eier zeige, da hat sie natürlich noch eins draufzusetzen und googelt im Internet nach Bildern von Eiern, bei denen man die Schale mit wunderbaren Mustern durchlöchert hat. Wow! Das ist ja unglaublich!

In Schweden werden die Sträucher nicht mit Plastikeiern geschmückt, sondern mit bunten Federn.

 

 

 

Die schlaftrunkene Schleiche

Heute hätte ich beinahe die Arbeit verweigert. “Diesen Laubhaufen dort kann ich aber nicht wegmachen. Eben habe ich eine Blindschleiche geweckt, die dort unter den Blättern überwintert hat.” – “Ach, die gibt es hier überall,” antwortet der Bauer. “Leg sie einfach ins Laub dort unter dem kleinen Haus.” Und also nehme ich die Schleiche und trage sie dorthin, wo sie noch ein Weilchen weiterschlafen kann. Dabei komme ich mir ein bisschen wie ein Schlangenbeschwörer vor. Obwohl die Schleiche ja eigentlich gar keine Schlange ist…

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