Valborgsmässoafton

Heute ist Walpurgisnacht. Außerdem hat der König Geburtstag. Er wird siebzig, und Herr Möwe sagt, dass es eigentlich nun Zeit wäre, sich zur Ruhe zu setzen und die königlichen Geschäfte der Kronprinzessin zu überlassen. Aber das geht nicht. Schön blöd. Wenn er noch zwanzig Jahre macht, gut gepflegt wie er ist, dann ist die Kronprinzessin fast sechzig, wenn sie die richtige Krone zum ersten Mal aufsetzen darf. So war das aber nicht in meinen Märchenbüchern! Und die Schweden, die alle ihre Königsfamilie behalten wollen, die wollen doch eigentlich nur das Märchenhafte behalten…

Ich war am Vormittag am See wandern. Habe mir viel Zeit gelassen, denn wer nicht hastet draußen in der Natur, der wird eigentlich immer irgendwie belohnt. Meine Belohnung heute hieß Gavia arctica. Die sind normalerweise ziemlich scheu und tauchen immer sofort weg, wenn man ihnen auch nur ein bisschen näherkommen will. Aber heute war einer in Ufernähe, und der ist nur ein kleines Stückchen weggetaucht, als er mich entdeckt hat. Dann ist er gemütlich auf den Wellen geschaukelt, gar nicht so weit von mir. In solchen Momenten denke ich immer: Jetzt hat ganz sicher mein Waldengel seine Hand im Spiel. Irgendwie…

Der Waldengel hat sie geliebt, die Prachttaucher, und er konnte lange mit seiner Kamera an einem See auf der Lauer liegen, um sie so detailliert wie möglich abzulichten. Denn sie haben so ein prächtiges Gefieder! Einmal hatten wir großes Glück, und diesen besonderen Morgen damals Ende August, den werde ich nie vergessen…

Am Abend heute hat es ein bisschen geregnet, aber das große Feuer ist trotzdem angegangen. Und es wurde noch ein richtig schöner Abend, denn sie waren alle da: die Hippies vom Karfreitag und die Sängerin aus der Domkirche, unser holländischer Haushandwerker, die Yoga-Mädels, die Sauna-Kumpels und die Frau, die immer Brot backt. Und also gab es viele Umarmungen, und es gab viele Lieder, schwedische und englische. Außerdem habe ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Frauen in Gummistiefeln Tango tanzen sehen.

 

Wo man singt…

Es ist ja nicht so, dass ich es hier nur mit Chlorophyll und Pferdemist zu tun habe. Für die allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeit gibt es immer wieder auch genügend Input auf anderen Kanälen, mal geplant und mal als Überraschung.

Spontan geplant war ein Ausflug in die große Stadt am vorletzten Wochenende, weil da eine Frau hier aus dem Dorf in einer großen Kirche gesungen hat, der Domkirche nämlich. Die Frau ist Samin und hat nicht nur eine richtig tolle Stimme, sondern kann auch das samische “Jodeln”, den Joik. Eines der Lieder handelt von ihrer Großmutter Annu Mannu, die als Kind mit ihrer Mutter zusammen das samische Dorf verlassen hat, um weiter südlich das Glück zu suchen.

Und dann hatte ich gestern wieder mal das Ökocafé und den Shop an der Backe, neben der Arbeit mit dem Chlorophyll und dem Pferdemist. So viele spontane Kunden kommen ja eh nicht, solange das Wetter immer noch zwischen Winter und Frühling hin- und herschwankt. Und die Stammkunden, die wissen, wo sie mich suchen müssen, wenn ich den Shop bewache. Irgendwo beim Chlorophyll oder beim Pferdemist. Aber dann schwenkte plötzlich ein alter und auf Hochglanz polierter Jaguar auf den Parkplatz ein, und ein illustres Quartett aus vier älteren Herrschaften – stilvoll gekleidet und strahlend vor fröhlicher Vorfreude – wuselte in den Laden. Eine der beiden Damen hatte Geburtstag, und so musste ich Kaffee machen und leckeren Kuchen aus dem Kühlschrank hervorzaubern.

Dann fingen sie plötzlich an zu singen. Und als sie rauskriegten, dass ich aus Deutschland bin, redeten sie auch noch Deutsch mit mir. Die Geburtstagsdame und ihr schnieker Mann waren früher unter anderem an verschiedenen deutschen Opernhäusern engagiert. Richtig berühmt wurde sie dann schließlich in Australien. Aber auch die andere Dame konnte ganz toll singen – und sie hörten alle gar nicht wieder auf. Und als ich dann den Spruch “Wo man singt, da lass dich ruhig nieder…” anbrachte, da war diese andere Dame so angetan, dass ich ihr den gleich aufschreiben musste. Und schließlich haben wir unsere Telefonnummern ausgetauscht und uns zu einer Waldwanderung nächsten Dienstag in der Heidekrautbucht verabredet. Also nicht alle fünf, sondern nur Moa und ich. 🙂

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Jawoll! Nur böse Menschen haben keine Lieder… Oder Spotify oder iTunes.

Im Wald kein Flickenteppich

Etwas, das in Schweden ziemlich verpönt ist, sind diese “Teppiche” von der Rolle, Typ Auslegware (auf Schwedisch: heltäckningsmattor – alles bedeckende Teppiche). Und das ist auch verständlich, denn warum sollte man sich seinen schönen Holzfußboden mit solchem Unrat zudecken. Dagegen sind Flickenteppiche weiterhin Kult. Diese wurden ausnahmsweise nicht von Ingvar Kamprad erfunden, sondern sind eine ziemlich alte Tradition aus der Zeit, als Schweden noch ein Bauernland war. Damals hatten nur gut betuchte(!) Leute Textilien in Form von Flickenteppichen auf dem Fußboden, das einfache Volk hatte gar nichts oder Zweige aus dem Wald. Als dann Textilien maschinell hergestellt wurden und Lumpen nicht mehr so teuer waren, kamen die Flickenteppiche auch in die ärmeren Häuser. Von da an durften die Männer den Tabaksaft vom Snus nicht mehr auf den Boden spucken, und der Spucknapf war erfunden. Sehr nachvollziehbar.

Eine weitere Tradition ist, dass man sich in Schweden grundsätzlich die Schuhe auszieht, wenn man bei jemandem zu Besuch ist. Alle ziehen sich also überall die Schuhe aus, sogar beim Arzt und in vielen Festlokalen. Auch Åke hat für den großen Feier-Film-Event-Yoga-Schulungsraum im neuen Haus extra eine Riesentüte “inneskor” (Drinnenschuhe) gekauft, sehr preiswert übrigens, Ingvar Kamprad sei Dank. Wer bei einer Feier sein ansonsten styliges Outfit nicht mit Filzpantoffeln oder Strumpfsocken versauen will, bringt sich gern besondere Drinnenschuhe mit. Eine entsprechende Alternative für High Heels habe ich allerdings nicht gefunden.

Dass mir das Wort “Auslegware” in den Sinn gekommen ist, hat übrigens mit der Jahreszeit zu tun. Im Frühling denke ich im schwedischen Laubwald immer an Auslegware. Es ist nämlich ALLES voller Buschwindröschen, und man weiß gar nicht, wo man hintreten soll. Verglichen mit Göteborg und seinem etwas milderen Seeklima, sind wir also hier im Inland nochmal ein bisschen später dran mit all den farbenfrohen Nettigkeiten des Frühlings. Aber ich muss sagen, dass ich es so eigentlich ganz gern mag: Der Frühling lässt sich Zeit und alles geht sehr sachte vorwärts. Im Gebüsche und auf dem Boden wird es nun immer grüner, aber oben in den Chefetagen der Bäume, da guckt immer noch ganz viel Himmel durch die kahlen Zweige. Trotzdem ist es im Wald ganz wunderbar, dank der herrlichen Buschwindröschen-Auslegware!

 

 

Der freche Dachs

41JPOU8W9KLVon all den Tierbüchern, die ich früher immer verschlungen habe, kann ich mich an Falladas Fridolin-Geschichte irgendwie am allerwenigsten erinnern. Von vielen anderen weiß ich noch sehr genau, was da alles passiert ist. Rikki-Tikki-Tavi, Lutra, Wolfsblut, Pony Pedro…

Nun ist es aber so, dass wir jetzt einen ziemlich frechen Dachs des Nachts hier zu Besuch haben. Auf Schwedisch heißt er “Grävling” – und genau das trifft es: er gräbt. Leider nicht nur in der schönen Natur hier rundherum, sondern auch in unseren Beeten. Gestern wollte ich die kleinen Pflänzchen in den Hochbeeten oben auf den Klippen gießen, aber oh Schreck, oh Graus – sie waren ja vollständig untergebuddelt! Erst habe ich gedacht, dass wir nun auch die Wildschweinplage bekommen haben, aber Åke meinte gleich: “Nein, das ist unser Freund, der Dachs. Er ist wohl aus dem Winterschlaf erwacht und ziemlich hungrig. Gräbt fleißig nach Regenwürmern und fetten Käferlarven…”

Nun haben wir leider nicht für alle Hochbeete solche praktischen Schutzhauben. Denn es sind viele Hochbeete, mehr als hundert! Und also müssen wir unsere kleinen grünen Schützlinge irgendwie anders schützen. “Ich hole den Timer und das Radio”, sagt Åke. “Von nun an gibt es nachts immer Musik im Garten. Das mag der freche Dachs nämlich nicht.” Hm, ich allerdings auch nicht. Wo ich die Ruhe hier auf dem Lande immer so genossen habe. Nun hoffe ich, dass ich so bald wie möglich in das neue Haus umziehen kann. Denn dort hört man das Radio nicht. Sowas aber auch! Öko-Gärtnern kann wirklich sehr alternativ sein.

 

Petersilie ohne Hagel

Das Schicksal ist schon ein merkwürdiges Ding. So wie es mich voriges Jahr gebeutelt hat, aus voller Kraft gerüttelt und geschüttelt, so geht es dieses Jahr ganz sanft mit mir um. Beinahe zärtlich… Als wolle es alles wieder gutmachen. Es ist mir fast ein bisschen unheimlich.

Ich habe meinen Liebsten verloren, aber nun ein ganz neues Leben gewonnen. Und ich denke, der Waldengel – ganz gleich, wie und wo er nun herumfliegt – ist froh, dass ich es so gemacht habe, und dass mich das Schwarze Loch nicht aufgefressen hat. Die Lücke, die er gerissen hat, wird zwar niemals irgendjemand oder irgendetwas wieder vollständig füllen können, aber dass ich nun hier gelandet bin, mit dieser Arbeit und mit diesen Menschen, das kommt mir beinahe wie ein Wunder vor.

Freilich bin ich immer wieder traurig und wehmütig, vermisse ihn und unsere gemeinsamen Abenteuer. Und dann gehe einen ganzen Tag lang herum fast ein bisschen wie ein Schlafwandler, wenn er mir im Traum begegnet ist. Wie letzte Nacht… Aber ich habe hier ein so gutes Leben, dass ich es inzwischen ganz deutlich fühle: Es heilt!

An den Wochentagen gehe ich morgens in aller Frühe zu Akasha. Dort machen wir zusammen mit noch ein paar anderen fast eine ganze Stunde lang Yoga. Das tut mir unheimlich gut. Und dann sehe ich täglich all diese Pflanzen wachsen, die wir gesät haben! Heute habe ich ungefähr 200 Petersilienpflänzchen raus in die Hochbeete gepflanzt. Im Gegensatz zu den letzten Tagen war das Wetter nicht so toll, nasskalt und windig, und die kleine Petersilie hat ganz schön herumgezappelt so im kalten Wind. Aber ich habe sie gut eingepflanzt und dann einen Deckel auf die Beete gemacht, sodass sie noch ein bisschen geschützt sind.

Es tut so gut, sich um jemanden zu kümmern. Früher hatte ich die Kinder, dann Herrn Möwe und zuletzt den Waldengel. Nun sind es Pflanzen. Obwohl ich nie so richtig ein Faible für Zimmerpflanzen hatte, geht mir das mit dem jungen Gemüse richtig gut von der Hand. Åke ist sehr zufrieden mit mir und hat sogar angefangen, mich ein bisschen zu bezahlen. Das ist prima, denn so muss ich nicht länger ans Eingemachte ran und kann noch eine ganze Weile so weiterleben.

Ja, meine Frühjahrskur hier funktioniert also ganz formidabel. Neben Yoga mache ich hin und wieder Tai-Chi mit Tingting, auf einer Lichtung im Wald oder auf einem Felsen über dem See. Dann die Sauna jede Woche, die nun in die Sommersauna am See umziehen wird, sobald die Pontonbrücke am Strand wieder installiert ist, sodass man direkt ins tiefe Wasser hopsen kann. Dann das gesunde Essen… Und bevor Åke in die große Stadt fährt, um die Bioläden zu beliefern, schwinge ich mich aufs Radel und ernte das Unkraut der Gegend an zwei verschiedenen Stellen. Ich bin so gut in Form wie schon lange nicht mehr, alle meine Hosen halten nur noch mit Gürtel, und meine Leggins fangen auch schon an zu rutschen.

Die Gegend, die Arbeit, die Menschen – wir passen wirklich prima zusammen. Also hier halte ich es noch eine ganze Weile aus. Danke, Schicksal! 🙂

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In der Ruhe liegt die Kraft – alle Bilder

Achjottachjott…

Damit ich hier im Auslande schön in Ruhe leben und arbeiten kann, bewacht der BuchJo meine alte Heimat, das Wuhletal, und ich kriege regelmäßig Bilder von den Jahreszeiten und Updates zu neuen Taten und Untaten. Eine ziemlich große Untat ist offensichtlich gerade dabei, Wirklichkeit zu werden. Sie hat mit Baggern und Seilbahnmasten, einer stockhässlichen Brücke, den Gärten der Welt… und unserem Kienberg zu tun. Achjottachjott, unser schöner Kienberg! Hier kann man über die Untat lesen, und damit wir den schönen Kienberg nicht vergessen, habe ich mal ein paar Bilder aus meinen Archiven gekramt. (Prima, dass man Sachen schnell wiederfindet, wenn man sie ordentlich wegsortiert hat.)

Vielfalt statt Einfalt

Seit der junge Argentinier hier zu unserem kleinen Kosmos gehört, ist dieser noch bunter und lustiger geworden. Der junge Mann ist schwul, kreativ, musikalisch, irgendwie weiblicher als ich – und vor allem an der Küchenfront unschlagbar.
Gerne gebe ich also den Löffel ab und mache dafür lieber draußen die Männerarbeit. Auch Tingting mag unseren neuen Mitbewohner sehr, und in der Küche hecken die beiden immer wieder Sachen aus, die nicht nur total lecker schmecken, sondern auch herrlich aussehen. Und dann haben wir sie gestern doch tatsächlich beim Marshmallow-Grillen erwischt. Åke hat geschimpft… wie ein Kesselflicker (sic!) Aber das war nur aus Spaß.

Die beiden letzten Sonntage hatte Åke außerdem mehr als 20 wissbegierige Kursteilnehmer hier auf dem Hof. Einmal ging es um ökologischen Gemüseanbau und einmal um Raw Food. Ich durfte beide Male teilnehmen.