Helle Nächte mit dicken Büchern

Seitdem ich abends nicht mehr an meinem Fotovortrag herumbastele, habe ich auch wieder mehr Zeit zum Lesen. Und so habe ich in den letzten beiden Wochen zwei dicke Bücher verschlungen. Beide hatten mit Norwegen zu tun, einem Land, mit dem ich vor ein paar Jahren mal eine zweiwöchige Tuchfühlung aufgenommen hatte (das Titelbild hier im Blog ist von dort), aber dem ich unbedingt nochmal ganz ausführlich auf den Zahn fühlen will. Man soll dort auch WWOOFen können, habe ich gehört… 😉

Ach so, ja, die beiden Bücher. Eines ist der erste Teil einer Serie über das zwanzigste Jahrhundert, an welcher unser beliebter schwedischer Autor Jan Guillou gerade schreibt. Mir hat längst nicht alles an dem Buch gefallen, aber die Beschreibung, wie über die norwegische Hochebene Hardangervidda eine Eisenbahnstrecke gebaut wurde, die war total fesselnd und sie hat mir richtig den Mund wässerig gemacht: Dort will ich auch mal langfahren!

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Und das andere Buch war einfach nur spannend und richtig gut erzählt. Kann ich wirklich empfehlen! Ich habe beide auf Schwedisch gelesen, es gibt sie aber auch auf Deutsch, wie ich gerade nachgeschaut habe. Das eine hat allerdings einen merkwürdigen Titel bekommen. Na ja, egal… Für das Brückenbauer-Buch hat jedoch der deutsche Verlag das bessere Cover herausgesucht, finde ich.

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Mehrblick

Wir kannten uns noch nicht mal ganz zwei Wochen, der Waldengel und ich, da habe ich ihn in mein Ritual eingeführt, regelmäßig nachzuschauen, ob das Meer noch da ist. Dieses Ritual hat natürlich nicht davon gehandelt, dass ich mir wirklich Sorgen gemacht hätte, es könne plötzlich nicht mehr da sein, das Meer. Eigentlich hat es davon gehandelt, dass sich bestimmte Dinge nicht so leicht abnutzen sollen.

Das besondere Gefühl und die Freude darüber, am Meer zu wohnen, sollten sich also nicht so einfach abnutzen. Denn es ist leicht, schöne Dinge als gegeben hinzunehmen, bloß weil sie immer in der Nähe sind. Das große Meer zum Beispiel. Oder die große Liebe. Und also muss man sich aktiv darum kümmern, bewusst und mit großer Freude, und sich darüber im Klaren sein, dass man privilegiert ist. Weil man das große Meer in der Nähe hat oder die große Liebe. Denn dann hat es die Abnutzung viel, viel schwerer.

Wenn ich mit dem Waldengel irgendwo an der Küste unterwegs war, haben wir das Schöne mit dem großen Meer und der großen Liebe in einem Aufwasch erledigt, sozusagen. Dann war es doppelt schön. Denn obwohl er ein Waldengel war, hat er auch das Meer sehr geliebt. Nach zehn Jahren in Deutschland – als junger Mann – wollte er dann doch wieder nach Schweden zurück, unter anderem, weil ihm das Meer so gefehlt hat. Und unser wirklich allerallerletzter Ausflug zusammen, der ging tatsächlich auch ans Meer.

Gestern habe ich mal wieder nachgesehen, ob das Meer noch da ist. Und zwar nicht nur dort, wo es einfach nur da ist, das Meer, wie in der Heidekrautbucht, wo ich relativ flink mit dem Rad hinkomme. Denn wenn man von hier direkt an die Küste fährt, dann liegt immer irgendeine von diesen riesigen Inseln im Weg und man hat doch nicht dieses besondere Gefühl, am Meer zu sein, weil sich am Horizont immer Land befindet und nicht Wasser.

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Um das offene Meer zu sehen, muss man von hier mit mindestens zwei Bussen fahren und es dauert eine ganze Weile. Ich bin gestern deshalb ziemlich früh aufgestanden und war schon halb neun in einem kleinen Ort auf der großen Insel Tjörn, der Rönnäng heißt, also Vogelbeerbaumwiese oder Ebereschenwiese. Es gibt dort tatsächlich irgendwie besonders viele Vogelbeerbäume. Oder es kam mir nur so vor, weil sie gerade alle blühen.

Diesen Ort und die kleine Insel Klädesholmen, wo mein Lieblingshering herkommt, hatten wir mal zusammen im Herbst 2014 besucht, der Waldengel und ich. Damals haben wir verschiedene Schätze gesucht, aber auch das Meer, die Aussicht und die kleinen hübschen Küstenorte sehr genossen. Und den eingelegten Hering natürlich! Eingelegten Hering mit Pellkartoffeln könnte ich immer noch jeden zweiten Tag essen, wenn es sein müsste, ohne dass es mir über wird. Und dem Waldengel ging es genauso. Denn schließlich gibt es so viele verschiedene leckere Sorten, und jährlich werden es mehr, dass es sich einfach niemals abnutzt.

Gestern bin ich nochmal überall dort herumgewandert, wo wir damals zusammen waren. Denn plötzlich sind es nur noch gut zwei Monate hier auf dem Hof in Svenshögen – und dann werde ich der schwedischen Westküste erstmal für eine ziemlich lange Zeit den Rücken kehren. Und also will ich nun nochmal möglichst viele Stellen aufsuchen, mit denen mich schöne und besondere Erinnerungen verbinden.

Durch die Geschichte mit den Geocaches finde ich sogar an ganz vielen Stellen noch unsere Spuren – auch wenn es sich dabei nur um unsere Nicknames mit Datum in einem Logbuch handelt. Aber für mich ist das irgendwie immer ein besonderer Augenblick. Und also ist es mir zur Zeit gar nicht so wichtig, neue Geocaches zu finden, sondern im Moment macht es mir mehr Freude, Caches noch einmal zu suchen, wo ich mir ziemlich sicher bin, dass dort noch unsere beiden Namen stehen…

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Mehrblick – alle Bilder

Pausengespräche

Gestern hatten wir beim Mittagessen (Fredo hatte sich mal wieder selbst übertroffen mit Salat, Suppe, Hauptgericht und Dessert…) einige interessante Gesprächsthemen. Zuerst hat uns Tingting erklärt, warum der 20. Mai in China so eine Art extra Valentinstag ist. Wenn man also auf Chinesisch 5-20 (wǔ èrshí) sagt, denn so wird das Datum angegeben, dann klingt es fast wie “Ich liebe dich”. Viele Leute heiraten deshalb an diesem Tag.

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Und dann haben wir überlegt, wo man das Verlangen, stets online zu sein, in die Maslowsche Bedürfnispyramide einordnen müsste. Ziemlich weit unten, sind wir uns dann einig geworden. Wahrscheinlich gleich nach den physiologischen Bedürfnissen. Hier im neuen Haus gibt es nämlich noch kein Internet. Wenn demnächst mein mobiles Datenvolumen alle ist, dann muss ich mich also immer ins Café setzen, um mich zu vernetzen. Oder ich mache einfach mal eine Online-Pause. Mal sehen, wie meine persönliche Pyramide gerade so aufgestellt ist.

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Außerdem habe ich gestern den ersten Kuckuck gehört – und wir haben Fredo das besondere “Brutverhalten” dieses komischen Vogels erklärt und dass wir, wenn wir hier endlich den Projektor installiert haben, unbedingt zusammen den Film mit dem Kuckucksnest gucken müssen. Denn den kannte unser junger Herr Regisseur nämlich noch gar nicht. Unglaublich!

PS: Habe soeben die aktualisierte Pyramide von meiner Schwester gemailt bekommen!

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Hihi! 😉

Die Farbe Rot

“Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun’ und Fass”, sagt man. Also bisher war der Mai weder kühl noch nass. Vor allem in der ersten Hälfte des Wonnemonats war es schrecklich warm. Jetzt geht es wieder, was mir sehr lieb ist. Aber von Regen ist immer noch keine Spur. Und also müssen wir viel gießen – und ich frage mich, warum die klugen Männer zuerst das drahtlose Internet und immer noch nicht die schlauchlosen Wasserleitungen erfunden haben. Wahrscheinlich, damit sie beim Surfen auf dem Sofa sitzenbleiben können, denn das mit dem Gießwasser ist ihnen sowieso egal. Ach, was ich immer fluche, wenn der Schlauch schon wieder einen Knick hat oder irgendwo an einem Felsen hängengeblieben ist… Puh!

In der ersten Maihälfte hatten wir auch noch einen dritten WWOOFer hier auf dem Hof, einen ganz netten und fleißigen jungen Mann aus Bayern, was insgesamt sehr lustig und bereichernd war, und was in der Arbeitsverteilung einen großen Teil der schweren Aufgaben mit der Erde und dem Pferdemist auf kräftigere Schultern als die von Fredo und von mir gepackt hat. Ja, wenn Fredo einen großen Teil der Arbeit in der Küche übernimmt und jemand Starkes die Schaufelei mit der Erde und dem Mist macht, dann kann ich mich wirklich auf die Pflanzen und das Pflücken konzentrieren – und das passt mir sehr gut. Einmal in diesen zwei Wochen sind wir zum Pflücken der wilden Blätter sogar mit dem Kanu über den See gepaddelt. Ach, das war herrlich! Wie Schweden-Urlaub. 😉 Und baden war ich letzte Woche auch schon.

Nun sind endlich auch hier die Bäume grün und überall sprießt und wächst alles. Die Hälfte der von mir ins Freiland gepflanzten Salatbabies ist inzwischen ganz rot geworden. Das war eine schöne Überraschung, als ich vor ein paar Tagen gucken war. Das neue rote Haus ist nun auch soweit fertig, dass immer ein WWOOFer dort wohnen kann. Zuerst war es Patrick, der nette Bayer, und seit Samstag wohne ich nun dort. Das ist prima, denn alles ist ganz neu – und ich habe wirklich mein eigenes Reich und wohne nicht mehr im Haus von Åke und Tingting.

Dann hatte meine Mutter in einer Mail gefragt, wie ich Pfingsten verbringe. Und ich habe gestutzt: Oh, ist gerade Pfingsten? Einerseits gibt es ja in Schweden den Pfingstmontag seit einer Weile nicht mehr als Feiertag, und andererseits sind hier auf dem Land bei unserem bäuerlichen Treiben diese langen Wochenenden überhaupt kein Thema. Ausruhen tut sich der Bauer im Winter, wenn nicht so viel zu tun ist. Jetzt, wo draußen gepflanzt und im Gewächshaus schon geerntet wird, gibt es weder Wochenenden noch Feiertage. Freilich haben wir als WWOOFer das Recht auf zwei freie Tage in der Woche, aber wenn es geht, nicht am Mittwoch oder am Sonntag, denn an diesen Tagen wird immer alles geerntet und gepflückt, was am Montag und am Donnerstag in die große Stadt geliefert wird.

Und also mache ich jetzt meistens am Dienstag und am Samstag frei. Am Dienstag vor zwei Wochen war ich ja in den Wäldern oberhalb der Heidekrautbucht wandern, mit einer Wandergruppe, was auch mal wieder ganz drollig war. Und gestern bin ich in ein großes, wildes Waldgebiet geradelt, das schon seit einigen Jahrzehnten unter Schutz steht und wo der Wald seitdem machen kann, was er will. Da habe ich mir den ganzen Tag Zeit gelassen – und weil die Tage jetzt viele helle Stunden haben, wurde es ein langer Tag. Das war ganz nach meinem Geschmack und mit viel Zeit für mein eigenes Tempo. Schön.

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Alles neu macht der Mai – alle Bilder

Die Entdeckung der Langsamkeit

Heute vor genau einem Jahr saß ich mit dem Waldengel zusammen bei Ericsson im Fotoclub und habe einem Vortag über Astrofotografie gelauscht und zugeschaut. Der Vortragende war auch ein Geocacher, den wir gefragt hatten, ob er dort im Fotoclub mal über dieses doch recht ausgefallene Hobby berichten könnte. Das hat er gern gemacht und alle waren sehr beeindruckt, wie er mit vergleichsweise einfachen technischen Mitteln zu Hause in seinem Garten so gute Weltraumbilder machen konnte.

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M31 – Andromeda

Damals hätte ich nie im Leben gedacht, dass ich selbst mal dort stehen würde, vor all diesen Leuten, um auch so einen Fotovortrag zu halten. Denn die Männer, denen ich dort im Laufe der Jahre gelauscht und zugeschaut hatte, das waren alles Profis oder wenigstens Semi-Profis mit toller Technik und richtig schnuckeligen Präsentationen.

Auch hätte ich an diesem 12. Mai vor einem Jahr nicht damit gerechnet, dass dies unser letzter gemeinsamer Besuch dort im Fotoclub sein würde. Denn Ende Mai sollte der Waldengel ja operiert werden, und danach würde sich ganz bestimmt alles wieder zum Guten wenden. Langsam, aber sicher. So wie bei dem Mann, der dieses Buch geschrieben hatte. Davon waren wir beide fest überzeugt.

Dann ist es aber leider doch ganz anders gekommen – und nun stand ich am Dienstagabend tatsächlich dort vorne vor ungefähr dreißig Leuten und habe einen Fotovortrag gehalten. Der Vortrag war dem Waldengel gewidmet und hat von unserer Reise nach Island gehandelt und besonders von der Entdeckung der Langsamkeit auf der unbewohnten Halbinsel Hornstrandir. Ich habe lange an diesem Vortrag gesessen, ja, viele, viele Abende. Das war sehr schön und ein bisschen schwer zugleich.

Aber vorgestern beim Vortragen war es dann plötzlich gar nicht mehr schwer, sondern nur noch schön. Als ich in die gespannten Gesichter all der Leute geblickt habe, da sind mir irgendwie Flügel gewachsen und ich konnte mit einer Leichtigkeit erzählen und den Leuten unsere Geschichte und unsere Art, die Natur zu erleben, nahebringen – ja, dass ich gar nicht wieder aufhören wollte. Auch haben wir viel gelacht, und erst als ich den letzten Schwung Bilder nur mit einem Song von Kari Bremnes untermalte habe, ohne zu reden, da konnten alle nochmal richtig innehalten und Kennet war uns sehr präsent.

Nach dem Vortrag habe ich viele Umarmungen und viele gute Worte bekommen. Von den Fotomenschen und von Kennets ehemaligen Kollegen. Und nun habe ich auch endlich selbst ein gutes Gefühl. Eines, das anhalten wird. Fast wie eine Wiedergutmachung. Denn dieses Gefühl hatte ich nach der Trauerfeier in der Kirche eigentlich nicht, weil der Pfarrer damals so gut wie gar nicht von Kennet gesprochen hatte, sondern nur von Gott und von Jesus. Seine Worte kamen auch nicht von Herzen, sondern nur aus der Bibel. Und damit hatte der Waldengel ja eigentlich nichts am Hut.

Eben darum wollte ich ihm eine passende und von Herzen kommende Zeremonie zueignen. Eine, die mit den Dingen zu tun hat, die er am meisten geliebt hat, und an einem Ort, der ihm sehr vertraut war. Schön, dass es mir tatsächlich gelungen ist.

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Hier die Bilder, die am Schluss während der Musik zu sehen waren…

Sonnenbrand

Ich finde, jedes Kind sollte ein Instrument spielen lernen, jeder Jugendliche sollte ein Handwerk lernen – und jeder junge Erwachsene sollte gezwungen sein, einmal eine Saison lang sein Gemüse selbst anzubauen. Auf jeden Fall einmal einen Monat auf einem Gemüsehof mithelfen. Oder wenigstens am ersten richtigen Sommertag des Jahres 500 kleine Salatpflanzen ins Freiland setzen. Dann bekommt man nämlich ein ganz anderes Verhältnis zu seinem Essen. Und zu den Lebensmittelpreisen…

Ich bin echt froh, dass ich als WWOOFer bei Åke gelandet bin und nicht bei seinem Nachbarn Gert. Denn Åke macht ja vor allem die Jungpflanzenaufzucht, und alles, was er anbaut, das befindet sich in einem der über 100 Hochbeete. Hochbeete sind was für Leute in meinem Alter und aufwärts. Bei Gert gibt es keine Hochbeete, denn er hat jetzt das Freiland, das Åke noch bis vor einigen Jahren bewirtschaftet hat. Man sieht es auf vielen Bildern auf seiner Internetseite.

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Keris Tageswerk

Weil Gert vorigen Monat einmal mit der Biokisten-Lieferung ausgeholfen hat, als Åke krank war, hatte er noch was gut bei uns – und so habe ich heute dafür bei ihm auf dem Freiland gearbeitet. Wie gesagt, 500 kleine Salatpflanzen mussten raus in die Erde. Das war anstrengend und ungewohnt. Außerdem waren es 20 Grad im Schatten und die liebe Sonne hat den ganzen Tag fröhlich vom Himmel auf mich runtergebrutzelt. Am Ende des Tages war ich sonnenverbrannt, verschwitzt und überall voller Erde. Außerdem kreuzlahm und mit schmerzenden Knien.

Also Leute, wenn ihr demnächst wieder Salat kauft und findet, dass 50 Cent zu teuer sind, weil ihr den für 35 Cent bei ALDI gesehen habt, dann denkt bitte an all die fleißigen Bauern, die dafür in der schönsten Sommerfrische den ganzen Tag auf den Knien herumrutschen müssen, und für die so ein langes Wochenende einfach nicht drin ist, weil gerade jetzt unheimlich viel zu tun ist. Ich finde inzwischen: Ein Salatkopf, der weniger als einen Euro kostet, ist echt eine Schande!

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Kaputte Schlange

Freilich hat der Sommer viele Vorteile: Wärme und lange Tage zum Beispiel. Aber es gibt auch Nachteile: Mücken, Zecken – und Kreuzottern. Heute haben die beiden schwarzen Katzen eine angeschleppt und Åke sagt, dass es hier in unseren “Rocky Mountains” ziemlich viele gibt. Wir sollen beim wilde Blätter pflücken jetzt immer ein bisschen aufpassen und unsere nackten Hände auch nicht einfach in irgendwelche Felsspalten stecken. Aber das habe ich ja schon beim Geocaching gelernt.