Mehrblick

Wir kannten uns noch nicht mal ganz zwei Wochen, der Waldengel und ich, da habe ich ihn in mein Ritual eingeführt, regelmäßig nachzuschauen, ob das Meer noch da ist. Dieses Ritual hat natürlich nicht davon gehandelt, dass ich mir wirklich Sorgen gemacht hätte, es könne plötzlich nicht mehr da sein, das Meer. Eigentlich hat es davon gehandelt, dass sich bestimmte Dinge nicht so leicht abnutzen sollen.

Das besondere Gefühl und die Freude darüber, am Meer zu wohnen, sollten sich also nicht so einfach abnutzen. Denn es ist leicht, schöne Dinge als gegeben hinzunehmen, bloß weil sie immer in der Nähe sind. Das große Meer zum Beispiel. Oder die große Liebe. Und also muss man sich aktiv darum kümmern, bewusst und mit großer Freude, und sich darüber im Klaren sein, dass man privilegiert ist. Weil man das große Meer in der Nähe hat oder die große Liebe. Denn dann hat es die Abnutzung viel, viel schwerer.

Wenn ich mit dem Waldengel irgendwo an der Küste unterwegs war, haben wir das Schöne mit dem großen Meer und der großen Liebe in einem Aufwasch erledigt, sozusagen. Dann war es doppelt schön. Denn obwohl er ein Waldengel war, hat er auch das Meer sehr geliebt. Nach zehn Jahren in Deutschland – als junger Mann – wollte er dann doch wieder nach Schweden zurück, unter anderem, weil ihm das Meer so gefehlt hat. Und unser wirklich allerallerletzter Ausflug zusammen, der ging tatsächlich auch ans Meer.

Gestern habe ich mal wieder nachgesehen, ob das Meer noch da ist. Und zwar nicht nur dort, wo es einfach nur da ist, das Meer, wie in der Heidekrautbucht, wo ich relativ flink mit dem Rad hinkomme. Denn wenn man von hier direkt an die Küste fährt, dann liegt immer irgendeine von diesen riesigen Inseln im Weg und man hat doch nicht dieses besondere Gefühl, am Meer zu sein, weil sich am Horizont immer Land befindet und nicht Wasser.

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Um das offene Meer zu sehen, muss man von hier mit mindestens zwei Bussen fahren und es dauert eine ganze Weile. Ich bin gestern deshalb ziemlich früh aufgestanden und war schon halb neun in einem kleinen Ort auf der großen Insel Tjörn, der Rönnäng heißt, also Vogelbeerbaumwiese oder Ebereschenwiese. Es gibt dort tatsächlich irgendwie besonders viele Vogelbeerbäume. Oder es kam mir nur so vor, weil sie gerade alle blühen.

Diesen Ort und die kleine Insel Klädesholmen, wo mein Lieblingshering herkommt, hatten wir mal zusammen im Herbst 2014 besucht, der Waldengel und ich. Damals haben wir verschiedene Schätze gesucht, aber auch das Meer, die Aussicht und die kleinen hübschen Küstenorte sehr genossen. Und den eingelegten Hering natürlich! Eingelegten Hering mit Pellkartoffeln könnte ich immer noch jeden zweiten Tag essen, wenn es sein müsste, ohne dass es mir über wird. Und dem Waldengel ging es genauso. Denn schließlich gibt es so viele verschiedene leckere Sorten, und jährlich werden es mehr, dass es sich einfach niemals abnutzt.

Gestern bin ich nochmal überall dort herumgewandert, wo wir damals zusammen waren. Denn plötzlich sind es nur noch gut zwei Monate hier auf dem Hof in Svenshögen – und dann werde ich der schwedischen Westküste erstmal für eine ziemlich lange Zeit den Rücken kehren. Und also will ich nun nochmal möglichst viele Stellen aufsuchen, mit denen mich schöne und besondere Erinnerungen verbinden.

Durch die Geschichte mit den Geocaches finde ich sogar an ganz vielen Stellen noch unsere Spuren – auch wenn es sich dabei nur um unsere Nicknames mit Datum in einem Logbuch handelt. Aber für mich ist das irgendwie immer ein besonderer Augenblick. Und also ist es mir zur Zeit gar nicht so wichtig, neue Geocaches zu finden, sondern im Moment macht es mir mehr Freude, Caches noch einmal zu suchen, wo ich mir ziemlich sicher bin, dass dort noch unsere beiden Namen stehen…

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