Entzugserscheinungen?

Der Mensch ist schon ein komisches Gewohnheitstierchen. Da war ich nun wirklich reif für ein langes Wochenende, hatte mich schon die ganze Woche vorher drauf gefreut und die ersten beiden Tage auch total genossen, aber bereits nach zweieinhalb Tagen habe ich mich dann fertig erholt gefühlt und war mit den Gedanken schon wieder andauernd in Svenshögen auf dem Hof, bei meinen Pflanzenkindern und den vielen lieben Menschen rundherum.

Und dabei war es doch schön, so allmählich mal wieder saubere Fingernägel zu bekommen und abends ins Bett zu gehen, ohne dass einem der Rücken, die Schultern oder die Handgelenke wehtun. Aber dieser (zum Glück immer nur leichte) Schmerz nach einem richtigen Schuftetag an der frischen Luft ist auch eine Art Körpergefühl, das ich eigentlich gar nicht mehr missen will, glaube ich. Es fühlt sich jedenfalls lebendiger und natürlicher an als nach einem langen Arbeitstag im Büro, wo mir auch gern mal der Nacken oder die Schultern wehgetan haben – vor allem, wenn Ausschreibungen waren. Aber das war doch ganz anders. Viel blöder.

Und dann das Gewusel in der großen Stadt, puh! Und die vielen Menschen! Es sind so viele, und trotzdem kennt man nur ganz wenige. Hier in Svenshögen sind es längst nicht so viele, aber mittlerweile kenne ich bestimmt schon die Hälfte. Und sie kennen mich, weil sie hier im Hofladen eingekauft haben oder weil wir uns bei irgendeiner Aktivität über den Weg gelaufen sind. Und also gibt es immer regelmäßig ein fröhliches Gewinke oder Gehupe, wenn ich die drei Kilometer an der Hauptstraße entlang zum Bahnhof marschiere oder wieder “nach Hause” komme. Das fühlt sich irgendwie gut an, und als Großstadtgöre kannte ich es bisher so noch nicht.

Auch ist das Haus, in dem ich wohne, niemals abgeschlossen. Auch mein Zimmer nicht, und das Fahrrad auch nicht. Und trotzdem fühle ich mich niemals unsicher.

20160515-DSC_0408
Gewöhnliche to-do-list

Dann zwitschert das Rotkehlchen hier morgens vor meinem Fenster, und bei der Arbeit höre ich die Singdrossel und Tims verrückten Gockel, der den ganzen Tag kräht. (Wahrscheinlich weil einer der Hippies immer irgendwie pennt…) Der dicke Kater Oliver kommt regelmäßig gucken, ob ich auch alles richtig mache. Setzt sich einfach in der Nähe auf einen Felsen oder auf eine Treppe – und guckt. Wenn ich dann bei meiner Arbeit innehalte, kommt er ganz unaufgeregt angeschlendert, als wäre er sowieso in diese Richtung gegangen, und nimmt gnädig ein paar Streicheleinheiten entgegen… Und einmal in der Stunde kommt der Zug, der hier am See durch drei Tunnel fährt. Das klingt lustig: Zug – nicht Zug – Zug – nicht Zug – Zug – nicht Zug – Zug. Und der ist inzwischen meine Uhr. Auf mein Handy gucke ich nur morgens und abends, manchmal auch mittags. Aber längst nicht so oft, wie früher, als ich noch den PC-Job am Küchentisch hatte.

Als ich Åke erzähle, dass ich mich schon nach zweieinhalb Tagen wieder hierher zurückgesehnt habe, da lacht er. “Das ist das Svenshögen-Syndrom. Die meisten, denen es hier einmal richtig gut gefallen hat, sind entweder hängengeblieben, oder sie kommen regelmäßig wieder. So ist das.” Na ja, hängenbleiben möchte ich jetzt noch nicht. Aber wiederkommen? Bestimmt! 🙂

20160608-DSC_0446

Advertisements