Große und kleine Montagswunder

Große Wunder passieren und kleine. Nehmen wir nur die Engländer und die Isländer. Die einen kicken sich selbst aus der EU raus und die anderen kicken die einen aus der EM raus. Ist das nicht herrlich?

Und dann finde ich, dass Åke seine WWOOFing-Beschreibung mal updaten sollte. “Als WWOOFer ist es nicht zu vermeiden, dass man an feuchten Sommerabenden an die hundert Nacktschnecken ins Schnecken-Jenseits befördern muss….” Und weil schon die Nacktschnecken so eklig sind, ist auch das ins Jenseits befördern eine ziemlich eklige Angelegenheit. Brrr!

Dann das mit dem Kompost-Klo. Es ist natürlich sehr umweltfreundlich, muss aber auch regelmäßig gewartet werden. Wir werfen immer Münzen. Bisher hatte ich Glück mit dem Feststoffbehälter, habe aber Åke schon zweimal beim Entsorgen des Flüssigen geholfen. Es wird 1 : 10 mit Wasser vermischt, und dann kann man damit die Dahlien oder die Obstbäume düngen.

Bei der letzten derartigen Aktion am Montagabend hat er mich – fast wie nebenbei – gefragt, ob ich nicht nächstes Jahr wiederkommen will. Dann aber nicht als WWOOFer, sondern mit richtiger Bezahlung. Er würde meine Arbeit sehr schätzen und hätte gerne jemanden hier, der die ganze Saison für die Pflanzenaufzucht da ist und dann auch die Arbeit der WWOOFer koordinieren könnte.

Danach konnte ich erstmal ein paar Nächte nicht richtig schlafen, denn das Angebot ist natürlich verlockend, nimmt mir aber gleichzeitig den Wind aus meinen gerade so prall gefüllten Abenteurer-Segeln. Soll es das also schon gewesen sein mit meinem Leben als vagabundierender Volontär? Werde ich tatsächlich gleich auf dem zweiten Hof hängenbleiben, gerade mal 60 km entfernt von meiner Ausgangsposition?

Andererseits gefällt es mir hier wirklich gut, die Arbeit macht fast immer Spaß, die Gegend ist herrlich, dann das Kurszentrum nebenan und die vielen Hippie-Nachbarn. Außerdem ist es schon nicht so übel, auch diese große Stadt zumindest in der Nähe zu wissen, in der ich mich inzwischen so gut auskenne, wo es alte und neue Freunde gibt, wo ich auch meine Lieblingsstellen habe und wo Herr Möwe wohnt, mit dem ich ins Konzert oder einfach nur spazierengehen oder Tee trinken kann.

Ich brauche aber noch eine Weile, um mich wirklich zu entscheiden. Und so habe ich meine Pläne erstmal nur dahingehend geändert, dass ich im September und Oktober nicht in Deutschland Wein lesen werde, sondern dass ich nach meinem Urlaub im August wieder hierher zurückkomme, um wirklich die ganze Saison zu erleben, inklusive der vielen Wochen, in denen samstags immer Bauernmarkt ist in der großen Stadt.

Und wenn ich im Herbst hier in Schweden bin, dann kann ich am 11. September auch etwas machen, was ich in Deutschland absolut nicht machen könnte: Ich kann in die schwedischen Berge fahren und ganz genau den Gipfel besteigen, den ich dieses Jahr mit dem Waldengel zusammen bestiegen hätte, wenn er wieder gesund geworden wäre und nicht an diesem vermaledeiten 11. September gestorben.

Es ist schon irgendwie wunderlich, dass einem ein kleines Wunder passieren kann, wenn man gerade dabei ist, die Pisse der letzten Woche wieder der Natur zuzuführen. Und dann ist man noch nicht mal bereit, das Wunder einfach anzunehmen und auf der Stelle “Ja, ich will!” zu rufen. Aber irgendwie fühlt es sich so an, als würde mir einer einen Heiratsantrag machen, und dabei ist noch nicht einmal das Trauerjahr herum.

Hm, ich brauche einfach noch Zeit. Aber die gibt er mir ja zum Glück, der gute Åke. Und natürlich freut er sich sehr, dass wir im Herbst wieder zusammen Pisse verteilen können – und noch viele andere Dinge mehr: Gutes Gemüse, gutes Essen, gute Gedanken.

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