Es war einmal ein Waldschrat…

Irgendwann zu einem Schulfasching bin ich mal als Waldschrat gegangen, mit einer Tannenzapfennase und Wurzelhänden. Viel, viel später habe ich dann erst von Tolkiens Ents gelesen und gedacht: Wenn ich jetzt zum Fasching als Ent gehen würde, dann würden es die meisten wohl wiedererkennen. Damals in der Schule hat keiner so richtig verstanden, wie man zum Fasching als Waldschrat gehen kann…

Nun, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich mit der Natur auch Tuchfühlung lebe, wo der Wald gleich um die Ecke ist, ein Wald, der ein richtiger Wald ist und kein Stadtwald, da fühle ich mich gleichzeitig ganz jung, so wie das Kind, das einmal ein Waldschrat sein wollte, aber auch irgendwie ein bisschen alt, so alt wie die Weisheit der Bäume. Selbst tief im Wald habe ich keine Angst, und ich weiß, dass ich mich niemals verlaufen werde. Und wenn ganz in der Nähe plötzlich ein Rehbock bellt, dann ist das nichts Fremdes, Unheimliches, sondern einfach nur die Stimme eines anderen Waldwesens. Jemand, der mir viel näher ist als die Leute, die in der großen Stadt einfach so an mir vorbeigehen.

20160724-DSC_0583Der Wald hat viel zu erzählen, wenn man ihn lesen und wenn man gut zuhören kann. Gestern war ich mit dem Radel am Meer in der Heidekrautbucht, und auf dem Rückweg hat mir das Wollgras im Wald zugeflüstert, dass ich es gerne besuchen kommen kann, auch ohne Gummistiefel, denn es hat schon eine Weile nicht mehr geregnet. Zu Hause beim Wollgras war noch jemand anderes, jemand, den ich eigentlich nur aus kälteren Gegenden kenne: die Multebeere. Bei der Vorstellung, dass ich jetzt in einer Gegend wohne, wo ich vormittags im Meer schwimmen und nachmittags auf dem Hochmoor im Wald Multebeeren pflücken kann, wurde dem Waldschrat in mir ganz warm uns Herz.

Wenn es Åke, die Arbeit und die anderen WWOOFer nicht gäbe, würde ich wahrscheinlich komplett verwaldschraten. Aber zum Glück gibt es ja die Arbeit und die anderen WWOOFer. Das Wasser im See ist nun so warm, dass wir gemeinsam lange Schwimmturen machen können. Man kann zum Beispiel zu einem Felsen schwimmen, den man zu Fuß nicht oder nur sehr schwer erreicht. Dort lässt man sich in der Sonne trocknen, so wie Gott einen geschaffen hat, und schwimmt dann wieder zurück. Hinterher ist man schrecklich hungrig, und weil es so schön schnell geht, machen wir Knäckebrotpizza mit frischem Oregano und Thymian direkt aus dem Garten. Dann sitzen wir den ganzen Abend draußen und reden über alles mögliche, und es ist furchtbar gemütlich, auch ohne einen einzigen Tropfen Alkohol.

20160723-DSC_0579
Mitten im Wald, mitten im Bach, auf einer unbewohnten Insel
Advertisements