Über den Wolken?

Ich glaube, ich höre mit dem Fliegen auf. Richtig zu reisen, das ist viel schöner. Natürlich dauert es länger, aber warum muss alles immer so schnell gehen? Anstatt in – schwupps! – einer Stunde von Göteborg nach Berlin zu fliegen, nehme ich zuerst den Zug nach Malmö. Dort habe ich eine Stunde Zeit. Ich spaziere herum, gehe bis ans Wasser. Das ist aufgewühlt, denn es ist stürmisch. Mit dem Flixbus geht es dann weiter. Da der Flixbus die Fähre von Gedser nach Rostock nimmt, ist man zwischendurch fast zwei Stunden auf dem Schiff. Das mag ich. Da kann man nämlich wieder herumlaufen, ins Wasser spucken und den Wellen zugucken. Die restliche Fahrt geht durch die schöne mecklenburgische Landschaft, wo man sich manchmal denkt: Hier gibt es wahrscheinlich mehr Windräder als Einwohner. Ja, ich glaube, ich höre mit dem Fliegen auf.

Gleichzeitig denke ich an unsere Norden-Reise im Oktober 2006, also vor genau zehn Jahren. Diese Reise, die mich dann schließlich drei Jahre später die Koffer hat packen lassen, um dorthin auszuwandern. Es war wirklich eine ganz besondere Reise, die wir beide niemals vergessen werden.

Hier ein paar Links auf die Posts in meinem alten Blog, die mit dieser Reise zu tun haben:

TallinnHelsinkiStockholmStockholmKopenhagen

Warum ich nun schon wieder unterwegs bin? Mein Enkel hat eine Woche Herbstferien, und ich habe Sehnsucht nach ihm und dem Rest der Familie. Dann ist die Saison in Svenshögen auch eigentlich rum, denn heute ist der letzte Bauernmarkt in der großen Stadt. Gestern habe ich nochmal den ganzen Tag gepflückt und Sträuße gebunden, und mich schließlich von allen verabschiedet. Die Anzahl der Umarmungen ist wohl reif für das Guinness-Buch der Rekorde. Viele der umarmten Menschen werde ich mehrere Monate nicht sehen, obwohl ich selbst nur zwei Monate nicht dort sein werde. Aber die Hippies sind im Winter gern lange in Indien oder auf Bali. Das wäre nichts für mich. Darum fahre ich jetzt in den Süden, und später nochmal weiter in den Süden, in die Alpen nämlich, wo dann hoffentlich schon Schnee liegt.

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Nun allein im großen Haus: Anne und Oliver

Lebenslanges Lernen

Ich lerne. Und ich lerne. Lerne wieder. Jeden Tag. Inzwischen kann ich endlich alles, was mit dem Laden und dem Café zusammenhängt, und ich mache reichlich Gebrauch davon. Alle Sorten Kaffee habe ich gelernt, alle Latten, Machatee mit und ohne Milchschaum… Ich kann Kartenzahlung. Und ich mache Smalltalk in drei Sprachen. Das alles war Anfang der Saison noch überhaupt nicht vorstellbar! Unsere Gäste sind immer wieder neu und spannend: Dieser Tage war es ein Schamane aus dem südamerikanischen Regenwald. Er ist zusammen mit einer Frau aus Berlin, und sie haben eine ganz reizende kleine Tochter.

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Weil es immer weniger grüne Blätter zu ernten gibt, habe ich im Moment eine andere Aufgabe: Ich mache viele bunte Herbststräuße – mit allem, was ich draußen so finden kann. Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass mir so etwas liegt. Aber es funktioniert, macht mir viel Spaß, und die Leute kaufen die Dinger. Unglaublich!

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Anne, unsere französische WWOOFerin, hat aus der großen Stadt Esskastanien mitgebracht, und sie zeigt mir, wie man sie im Ofen backt, sodass sie beinahe wie über dem Feuer geröstete schmecken. Oh! So lecker! Auch haben wir einen ähnlichen Musikgeschmack und rennen ständig an den Rechner, um uns Titel vorzuspielen, die uns gerade einfallen.

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Dass die kleinen Vögel immer weniger scheu werden zu dieser Jahreszeit, habe ich beim Arbeiten herausgefunden. Das Rotkehlchen und die kleinen Zaunkönige sind so anmutig! Wie die Elche klingen, wenn sie liebeskrank sind, weiß ich nun auch, denn sie sind jetzt oft sehr laut. Nachts streichen sie immer mal wieder um die Häuser auf der Suche nach Äpfeln oder anderen noch nicht abgeernteten Leckerheiten aus dem Garten. Dann liege ich manchmal wach und weiß nicht so recht warum. Morgens sehe ich die Spuren überall – und verstehe.

Meine Bücherchen

Mal hat das Leben mich gebeutelt, mal habe ich es gebeutelt. Ich habe Männer kennengelernt und wieder verlassen, ich habe Freundschaften gepflegt und dann die Pflege verschusselt, so wie man vergisst, seine Zimmerpflanzen zu gießen. Ich war Mitglied in verschiedenen Vereinen oder habe zusammen mit anderen Leuten Musik gemacht. So waren im Laufe des Lebens unterschiedliche Menschen an meiner Seite, mehr oder weniger dicht. Und ich habe mich mit allerlei Hobbys unterhalten, mehr oder weniger intensiv.

Eigentlich gibt es nur zwei Dinge, die mir immer treu waren und denen ich immer treu geblieben bin: die Natur und die Bücher. Nachdem der Waldengel letztes Jahr weggegangen ist und ich gleichzeitig obdachlos wurde, war ich allerdings gezwungen, alle meine lieben Freunde, die Bücher, in viele Kisten zu verpacken und auf unbestimmte Zeit in einem Lagerhaus in einen großen dunklen Holzcontainer zu verbannen. Da diese Bücher IMMER um mich waren, einige davon fast das GANZE Leben lang, habe ich mich seitdem ziemlich unvollständig gefühlt.

Gestern habe ich sie nun endlich wieder befreit!!! Zusammen mit all dem anderen Krempel, den man so ansammelt und aufhebt, habe ich sie aus dem dunklen Holzcontainer rausgeholt – und nun sind sie wieder bei mir. Viele von ihnen haben eine eigene Geschichte. Es gibt ein Bilderbuch aus meiner ganz frühen Kindheit, meine allerliebsten Kinder- und Jugendbücher sind dabei, eine uralte Bambi-Ausgabe, die mir die alte deutsche Schrift gelehrt hat, das dicke Schmitt-Buch, das ich als Kind so gerne angeguckt habe, die Bücher von Aitmatow… Dann alle Gedichtbücher von Eva Strittmatter. (Als ich Gitarre spielen gelernt habe, hatte ich mal versucht, einige dieser Gedichte zu vertonen.) Das Buch von der großen Keri natürlich, die Romane von Island, die Muminbücher… Und dann alle meine und ein Teil von Kennets Naturbüchern.

Ich war unglaublich bewegt, als ich gestern so nach und nach all diese Bücher in die Hand genommen habe, um sie ins Regal zu stellen. Und bin es irgendwie immer noch. Natürlich hatte ich im Laufe meines Lebens viel mehr als diese Anzahl, die nun gerade in dieses eine Bücherregal passt, dieses Regal, das schon so oft mir mir umgezogen ist, das ich schon so oft auseinander- und wieder zusammengeschraubt habe… Aber es sind eben die Bücher, denen ich wirklich treu geblieben bin und die auch mir wirklich treu geblieben sind. Ich hoffe so sehr, dass wir nie wieder ohne einander sein müssen!

Tarte flambée & Mohnstrudel

Gestern früh haben wir beim Frühstück die Morgensendung im schwedischen Klassikradio gehört. Ich habe jetzt nämlich hier im neuen Haus endlich richtiges Internet, nicht nur das mobile übers Telefon mit dem eingeschränkten Datenvolumen. Und also hören wir jetzt immer nordischen Heavy Metal oder Balkan Brass beim Kochen oder Abwaschen und was Leichteres wie Celine Dion, Kari Bremnes, Lhasa de Sela oder eben Klassik zum Essen. Außerdem hat mir meine Geocaching-Freundin einen super Lautsprecher überlassen, sodass wir das große Zimmer im neuen Haus mit einem ordentlichen Sound füllen können. Echt cool, dass ich das Haus jetzt in der Nachsaison ganz für mich alleine habe – und nach Lust und Laune auch mal richtig Krach machen kann.

Aber zurück zum Morgenradio. Man konnte dort anrufen und mit ein paar Sätzen das Besondere an diesem Morgen beschreiben. Wenn ich angerufen hätte, dann wären es diese Sätze gewesen: “Ein kräftiger Herbstwind rüttelt an den großen Eichen vor dem Haus, sodass die Blätter wild herumwirbeln und so langsam wieder der Blick auf den See frei wird. Ein kleiner Eichkater turnt unbeschwert in den schaukelnden Ästen der riesigen Bäume herum, als wäre es überhaupt keine große Sache. Wir sitzen beim Frühstück und werden gleich zusammen rausgehen, warm angezogen, um Kräuter und grüne Blätter für den Bauernmarkt zu ernten…”

Weil es von Woche zu Woche weniger zu ernten gibt, sind wir bereits gegen vier Uhr mit dem Pflücken und Verpacken fertig – und haben also genug Zeit, in aller Ruhe die Feier am Abend vorzubereiten. Dass ich Geburtstag habe, habe ich keinem erzählt. Nur Anne, die französische WWOOFerin, weiß es. Da sie aus dem Elsass ist, haben wir ganz einfach zu einem leckeren elsässischen Abend eingeladen. Aus der großen Stadt hatte ich schon zu Anfang der Woche einen gute Flasche Crémant mitgebracht und nach unserer Paddelwanderung am Dienstag haben wir zusammen in der Heidekrautbucht die restlichen Zutaten für elsässischen Flammkuchen und Mousse au Chocolat eingekauft.

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Ikebana & Origami

Ach, war das dann ein schöner Abend gestern! Das gemeinsame Vorbereiten und Dekorieren hat genauso viel Spaß gemacht wie nachher das Essen, Trinken, Lachen und Schwatzen. Zum Schluss, nachdem sich alle anderen schon verabschiedet hatten, saß ich noch bis Mitternacht mit Radka zusammen, gemütlich in mehr oder weniger tiefsinnige Gespräche vertieft. Sie kommt ursprünglich aus der Slowakei, ist schon seit etlichen Jahren ein Weltenbummler, scheint aber nun hier in Svenshögen ein neues Zuhause gefunden zu haben. (Kommt mir irgendwie bekannt vor…) Sie hatte spontan Mohnstrudel gebacken und mitgebracht – zu meiner riesengroßen Freude! Und zum Schluss habe ich dann einfach zu ihr gesagt: “Ach, war das ein schöner Geburtstag! Und dein Mohnstrudel war mein schönstes Geburtstagsgeschenk.”

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Wie die Waldindianer… (Teil 2)

Da ist man schon viel älter als alle Kühe – und lernt immer noch dazu. Reimt sich zwar nicht mehr, stimmt aber dafür umso mehr. Heute waren wir wieder in den Wäldern oberhalb der Heidekrautbucht, und diesmal nicht nur wandern oder auf den Spuren von alten Geschichten unterwegs, diesmal waren auch die Kanus mit. Ach, war das herrlich! Endlich hat mir mal jemand ausführlich erklärt und gezeigt, wie man es steuert, so ein Waldindianer-Kanu. Jetzt kann ich es auch!

Und dann haben wir am Ufer ein Feuer gemacht und richtiges Brot gebacken. Bisher kannte ich immer nur Stockbrot oder Knüppelkuchen, aber heute wurden es kleine platte (nordische) Pizzabrote, die man warm mit Butter und Käse beladen konnte. Ich sage euch, nach einer windigen Paddeltur dann so etwas schmausen, das ist besser als alle Hummer in allen 5-Sterne-Restaurants der Welt.

Ja, hm… Ich gebe mir zwar ziemlich große Mühe, mich hier so langsam in unsere Hippie-Community zu integrieren, aber wenn ich dann mit den Draußen-Menschen draußen im Wald bin, dann fühle ich mich mit denen doch viel wohler, ungezwungener und mehr zu Hause. Und ich glaube nicht, dass sich das nochmal grundlegend ändert. 😉

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Wie die Waldindianer II – alle Bilder