Woche der Wunder

Als ich noch meinen ganz normalen Job hatte, da schien die Zeit immer schneller zu vergehen, je älter man wurde. Die Tage gingen, die Wochen flogen… Nun bin ich erst eine gute Woche hier auf dem Hof in den Alpen – und es kommt mir doch viel länger vor. Das ist der Gummi-Effekt für die Zeit, wenn man irgendwo ganz neu ist und alles drumherum auch ganz neu für einen ist. Da ist jeder Tag erheblich länger als normal.

Und man ist viel mit Lernen und auch mit Staunen und Wundern beschäftigt – vor allem, wenn ständig irgendwelche Wunder passieren. Die erste Überraschung war, dass ich hier eine eigene kleine Wohnung ganz für mich habe. Es ist also eine Ferienwohnung in dem großen Haus, wo auch alle anderen wohnen. Im ganzen Haus und auch in meiner Wohnung ist sehr viel Holz, was ich total mag. Es riecht gut und es lebt. Nachts macht es manchmal Geräusche.

Die zweite Überraschung war der zweite WWOOFer, der hier schon seit August zugange ist und dann auch das nächste Jahre hier verbringen will, ja, ungefähr so wie ich bei Åke in Svenshögen. Er hat auch alle seine Sachen hier und bewohnt die andere Ferienwohnung gleich nebenan. Von Beruf ist er Tischler, aber ein besonderer, denn als er noch eine eigene Werkstatt und eigene Lehrlinge hatte, da haben sie nur massives Holz verarbeitet und es nur mit biologischen Mitteln oberflächenbehandelt. Von vielen der Möbel haben sie Fotos gemacht und die habe ich mir vor ein paar Tagen alle angesehen. Oh, wirklich sehr schöne Möbel haben sie geschreinert!

Lustig war auch, dass dieser Mann schon beinahe alles über mich wusste. Er hatte nämlich offensichtlich ausgiebig in meinem Blog gelesen. (Ich schicke die Adresse immer mit, wenn ich mich irgendwo auf einem Hof “bewerbe”.) Da war ich ja baff, weil damit rechnet man ja nicht, dass jemand da wirklich mal reinguckt. Ein ganz Fremder also… Aber inzwischen haben wir uns richtig gut angefreundet und außerdem gemeinsam die “Patenschaft” für diesen lieben Labradorrüden übernommen. Der Schreiner geht immer am Morgen mit ihm raus, und ich nach dem Mittagessen.

Die nächste Überraschung war die Küche, die im Moment mein wichtigster Arbeitsplatz ist, denn die Frau des Bauern ist für zwei Wochen mit der kleinen Tochter zu ihren Eltern gefahren. Einen Tag lang wurde ich in diese Küche eingewiesen – und seitdem wurschtel ich da herum. Warum die Küche eine Überraschung war? Na ja, weil es dort so einen tollen Herd gibt, den man mit Holz heizt! Und als pyromanische Frau Fire Chief war ich sofort davon angetan, jetzt andauernd diesen Ofen heizen zu dürfen – und dann auch noch darauf zu kochen! Es ist gar nicht so schwierig, wie ich zuerst dachte, das Kochen also. Man schiebt die Töpfe einfach auf der großen Platte hin und her, je nachdem wie heiß es sein soll. Sogar einen Schnellkochtopf habe ich darauf schon betrieben. Und auch ein Ofenloch gibt es, wo man Aufläufe machen kann oder Kastanien rösten. Wenn man Kastanien rösten will, muss man ordentlich einheizen. Dann ist es in der Küche fast wie in der Sauna.

Apropos Sauna. Am Freitag waren wir zusammen in der Sauna, der Bauer, der Schreiner und icke. Und – jetzt kommt’s – dafür sind wir bis nach Italien gefahren! Das ist also gleich um die Ecke sozusagen, nicht mal eine halbe Stunde mit dem Auto. In so einer professionellen Sauna-Landschaft war ich ja schon ewig nicht mehr! Jedenfalls nicht, seitdem ich in Schweden wohne. War zur Abwechslung auch gar nicht so schlecht, auch wenn ich doch unsere Sauna am See immer noch viel lieber mag. Vor allem wegen des Publikums.

Außer in der Küche arbeite ich natürlich auch im Stall. Dort gibt es Kühe, Schweine, Ziegen, zwei Pferde und Hühner. Alle haben immer großen Hunger, und alle machen natürlich auch immer schön viel Mist. Ich arbeitet meistens mit diesem In- und Output, während der Bauer die Kühe melkt und andere mehr komplizierte Sachen macht. Melken will ich nicht lernen, denn die Kühe sind mir einfach zu groß, und den Pferdestall miste ich auch nur aus, wenn das große Pferd gerade nicht zu Hause ist. Die Milch hier ist wirklich der Hammer, denn die Kühe bekommen nur gutes Bergwiesenheu zu fressen und die Milch wird auch niemals pasteurisiert, weil wir sie nicht verkaufen, sondern nur selbst verarbeiten.

Ja, und obwohl es gar nicht so viele Kühe sind, wurden doch letzte Woche tatsächlich noch zwei kleine Kälbchen geboren. Das war vielleicht eine schöne Überraschung! Um diese beiden Racker kümmere ich mich natürlich besonders gerne. Sie haben so schöne Augen und ihre Mäuler sind so weich und neugierig. Und wie schnell sie wachsen! Das muss an der guten Milch liegen. Vielleicht wachse ich ja auch noch ein bisschen…

Und über all unserem Alltag, der Arbeit und der Freizeit, trohnen ständig majestätisch diese wundervollen Berge, an denen ich mich einfach nicht sattsehen kann. Immer wieder schauen sie anders aus, je nachdem wie das Licht gerade ist, wie die Wolken ziehen und wie verschneit sie sind. Heute hat es leider den ganzen Tag getaut und der Wald gegenüber ist inzwischen schon wieder grün. Aber die Einheimischen sagen, dass es eigentlich nicht normal ist, dass es im November schon so viel schneit und so kalt ist. Na, mal sehen, wie es sich entwickelt und ob ich auch noch Skilaufen kann.

Mit den Einheimischen habe ich regelmäßig Kontakt, denn immer, wenn ich zusammen mit dem Hund jemanden treffe, dann wissen sie alle sofort, wo ich hingehöre, weil ja jeder hier den Hund kennt. Sprechen die Einheimischen untereinander, dann verstehe ich so gut wie gar nix, aber mit mir geben sich alle immer Mühe. Ich bin also hier wirklich gut gelandet, und dadurch, dass ich in allerlei Hinsicht die Bauersfrau vertreten muss, auch sehr schnell in den Alltag integriert worden. Ja ja, learning by doing! Mittags koche ich immer für fünf Personen, da bin ich also auch bald ein richtiges Küchenwunder. Was ich sonst in der Küche noch alles so mache, das erzähle ich aber ein anderes Mal.

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