Ich erforsche unterschiedliche Biotope

Als ich vor gut zwei Jahren zusammen mit dem Waldengel und etlichen anderen Wissbegierigen in einem Fernkurs die Geologie und die Ökologie der Alpen erforscht habe, da hat uns der Botanik-Lehrer immer wieder darauf hingewiesen, wie sehr sich die Biotope auf den Nord- und Südhängen der Berge unterscheiden können. Da die zu diesem Kurs gehörende Feldexpedition damals im August stattgefunden hatte, wurde mir dieser Unterschied trotzdem nicht so richtig deutlich. Wenn es warm war, war es überall warm. Und wenn es geschneit hatte, hat es überall geschneit.

Jetzt aber! Hier nämlich! Also wirklich! Bei uns auf der Sonnenseite des Tals ist der Schnee inzwischen komplett wieder weg, und wenn die Sonne richtig scheint, kann man mittags im Pulli draußen sitzen. Will ich dagegen mit dem Hund im Schnee spielen, dann brauche ich nur in den Wald zu gehen, der auf der anderen Seite des Tals steht, auf den Hängen, die nach Norden zeigen. Hier bei uns ist jetzt sozusagen wieder goldener Herbst, während auf der Schattenseite schon richtiger Winter ist.

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Dieser Schatteneffekt kann sich aber offensichtlich auch auf das Gemüt der dort lebenden Menschen auswirken. Das habe ich nicht erforscht, sondern es ist mir passiert. Weil unsere Spaziergegend also plötzlich wieder schneefrei war, bin ich mit dem Hund eines späten Nachmittags über eine dieser Bergwiesen getollt. Es ist ein herrliches Gefühl, über so eine steile Wiese zu rennen, mit der wundervollen Aussicht im Nacken, den Wiesenpflanzen und Kuhfladen zu meinen Füßen und dem von Lärchen bunt gescheckten Wald vor Augen. Wir waren also ausgelassen und fröhlich, der Hund und ich, bis ich dort am Waldrand einen Mann hab sitzen sehn. Oh, was ist denn das für einer, habe ich gedacht. Entweder ein richtiger Naturliebhaber so wie ich… oder ein Perverser. Sonst hockt man doch nicht zu dieser Stunde am Waldrand herum, also so direkt auf der Erde und nicht auf einer der vielen Bänke, die hier überall in der Gegend herumstehen.

Da habe ich sicherheitshalber den Hund gerufen und bin wieder umgekehrt. Aber dann war dieser Mann plötzlich direkt hinter mir. Keine Ahnung, wie er so schnell dahin gekommen war. Er hatte ein Gewehr über der Schulter und sah sehr unfreundlich aus. Ach, du Scheiße! Ein Jäger! Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was der sich aufgeregt hat und wie der über uns hergezogen ist. Einfach so den Wanderweg verlassen mit einem nicht angeleinten Hund und dann auch noch in der Dämmerung! Ob wir nicht die Rehe gesehen hätten, die gerade aus dem Wald getreten wären! Die hatte der Hund natürlich verscheucht! Also, wenn das hier sein Grund und Boden gewesen wäre, dann hätte er jetzt mit dem Handy ein Foto von mir gemacht und dann hätten wir uns woanders wiedergesprochen! Im Namen der Republik! Aber da er den Hund ja kenne, wüsste er ja, wo ich hingehöre. Also mit meinem Bauern müsse er mal ein ernstes Wörtchen reden…

Na, da ist mir ja echt die Spucke weggeblieben. Bin ich von Schweden und seinem Allemansrätten so sehr verwöhnt, dass ich hier erstmal die Gebrauchsanweisung für die Natur lesen muss? Und haben die hier vielleicht alle so einen Knall? Kein Wunder, dass das Tal von Touristen nicht gerade überschwemmt ist…

Ziemlich geschockt und etwas betrübt bin ich dann zu unserem Hof zurückgeschlendert und habe meinem Bauern alles gleich brühwarm erzählt. Der hat ziemlich schnell herausgefunden, um wen es sich handelt. “Ach ja, der wohnt dort drüben auf der Schattenseite. Der meckert immer, mit allen und an allem herum. Mach dir nichts draus!” Nein, ich habe mir dann wirklich nichts mehr daraus gemacht, aber dennoch ist mir ein klitzekleines bisschen meiner 100%igen Unbekümmertheit abhanden gekommen, diese Unbekümmertheit, mit der ich immer allein in der Natur herumspaziere.

Um dieses doofe Erlebnis wieder zu kompensieren, bin ich dann gestern selbst schön lange auf der Schattenseite wandern gewesen. Und eigentlich wollte ich noch höher hinaus, also ganz hoch hinaus, aber dafür sind die Tage jetzt einfach zu kurz, jedenfalls wenn man erst nach dem Mittagessen losgehen kann. Aber nächstes Wochenende, wenn die Bäuerin wieder da ist, und dann mache ich endlich mal eine Ganztagswanderung!

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Auf die Berge will ich steigen… (alle Bilder)

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