Augen auf…

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
… im Straßenverkehr! So hat man es uns damals beigebracht, gleich nachdem wir in die Schule gekommen waren. Und gewisse Sprüche aus meinem Heft zur “Prüfungsvorbereitung” für das Goldene-Eins-Abzeichen kriege ich wohl nie wieder aus meinem Kopf. Unter dem Buchstaben A gab es den hier zum Beispiel:

Alleen laufen quer durchs Land.
Wir gehen links am äußren Rand.

Und das habe ich tatsächlich mein ganzes Leben lang brav beherzigt – auf den vielen, vielen Alleen, die ich dann so im Laufe der Jahre entlang gewandert bin.

Das genaue Hinsehen und Augenaufmachen lässt sich aber noch viel besser draußen in der Natur praktizieren. Auch das habe ich schon früh erkannt. Eigentlich noch viel früher…

20170521-DSC_2078

Und deshalb muss ich eigentlich gar nicht so weit hinaus ins Grüne, um allerlei Schönes zu entdecken. Alles, was ich brauche, liegt direkt vor den Toren der Stadt oder sogar innerhalb ihrer Grenzen. Man muss eigentlich nur die Augen aufmachen.

20170604-DSC_0045

Augen auf! (alle Bilder)

Ick bün all hier!

Letzten Freitag auf dem Weg zur Sauna habe ich im Wald ein Vogelei gefunden. Es hatte die gleiche Farbe wie mein Bademantel – und wir haben sehr gestaunt.

20170513-DSC_2018

Verzage nicht, mein Herz!
Das Ei kann Federn kriegen
und aus der engen Schale
empor zum Himmel fliegen.
(Friedrich Rückert)

20170513-DSC_2024

Am Tag danach bin ich nach Göteborg gefahren, um dort die Fähre nach Kiel zu nehmen. Inzwischen bin ich in Berlin, und ich weiß noch nicht wie lange. Manchmal nehmen die Dinge plötzlich eine schnelle Wendung, und dann ist es gut, wenn man flexibel ist.

Die letzten Wochen sind irgendwie so schnell vergangen, und ich war kaum am Rechner. Wir hatten so wunderbare WWOOFer auf unserem Hof, und überall war so viel zu tun. Aber nun habe ich doch noch ein Album mit all den Bildern der letzten Wochen zusammengestellt. (Jedes Bild hat einen kleinen Text, der manchmal zu sehen ist und manchmal nicht.)

20170405-DSC_1928

Aprilwetter – mitten im Leben (alle Bilder)

Hier in Berlin ist alles voller grüner Bäume, Menschen und Baustellen. Für mich als Landei beinahe ein Kulturschock. Aber dann findet man doch ruhige Oasen in all dem Trubel. Und das ist gut.

Mondschnee

Mondschnee liegt auf den Wiesen,
Wie ich von dir geh.
Wir lieben uns schon lange.
Nicht seit dem letzten Schnee.
Doch immer, wenn ich zu dir komm,
Wird mir noch so:
Ich weiß nicht, wer ich bin und wo,
Bin traurig und bin überfroh.
(Teils heidnisch und teils fromm.)

Eva Strittmatter

20170113-p1130076

Nun schreibe ich schon fast 10 Jahre Blog. Aber erst jetzt ist es mir gelungen, echten Mondschnee zu fotografieren.

Buchweizen-Woche

Jetzt bin ich noch nicht mal richtig eine Woche wieder auf meinem Heimathof bei Åke in Svenshögen, aber es fühlt sich an, als wären es schon zwei Wochen gewesen. Hm, wo soll ich mit dem Erzählen anfangen? Vielleicht einfach der Reihe nach.

Die Rückfahrt aus den Skiferien mit dem Bus war wieder sehr entspannt. Diesmal waren wir nur fünf Passagiere. Da gerade die schwedischen Weihnachtsferien zu Ende gingen, war der erste Bus schon voll, und es musste noch ein zweiter eingesetzt werden. Ergo: Man muss nicht immer Erster sein, um es besser zu haben. Diesmal wurden wir, die zum Schluss kamen, viel gemütlicher nach Hause befördert. Und weil es bereits auf der Hinfahrt solchen Spaß gemacht hatte, habe ich mich wieder vorn zum Fahrer gesetzt, um zu reden und Geschichten anzuhören. Er ist schon Rentner und springt nur hin und wieder ein, wenn Not am Mann ist. “Übrigens, wenn du einen Job suchst. In ganz Westschweden fehlen ungefähr 2000 Busfahrer. Wäre das nicht was? Ansonsten, wenn ich nochmal die Wahl hätte, ich würde Klempner werden. Die werden immer gebraucht, weil aufs Klo gehen, das muss schließlich jeder.” Er war wirklich putzig, dieser ältere Herr. “Aber deine kleine Freundin”, meinte er noch, “die sah sehr traurig aus, als ihr euch heute verabschiedet habt. Ach ja, die Liebe… Sie kann so süß sein. Aber manchmal auch grausam…” Da war ich verblüfft.

20170108-dsc_15062
Es brennt. Draußen der Himmel. Und in mir der Abschied…

Bei der Ankunft in Svenshögen bin ich auf dem Weg vom Bahnhof gleich zum Haus von Gert und Akasha abgebogen, denn dort wurde ordentlich Geburtstag gefeiert. Als ich – der Überraschungsgast – dann plötzlich mit dem großem Rucksack und den Skiern hereinschneite, gab es ein großes Hallo und etliche “Endlich bist du wieder da!”, und ich musste viel erzählen: Von meiner Gastfamilie in den Alpen, dem Käse und dem Brot, und von Weihnachten in Deutschland. Da war ich gerührt.

20170108-dsc_1509
Das Geburtstagskind sitzt in der Mitte.

Auf der Feier waren außer den Leuten aus der Umgebung, die ich schon kannte, auch zwei neue Gesichter: eine Englisch-Lehrerin aus Siena und ein Junge aus Gaza. Sie hatten sich irgendwie über Facebook kennengelernt – und es geht etwas sehr Schönes von ihnen aus. Beide sprühen vor Energie und Ideen und sind in unterschiedlichen Zusammenhängen sehr engagiert. Vittoria ist in verschiedenen Hilfsorganisationen tätig und gibt nach der Arbeit noch unentgeltlichen Englisch-Unterricht für Leute mit wenig Geld. Wir haben lange geredet und uns zum Abschied herzlich umarmt. Und Ahmad aus Gaza ist einer von diesen Akrobaten, die in der Stadt an keinem Hindernis vorbeikommen, ohne einen Salto darüber zu machen. Diese Fortbewegungsart heißt Parkour – und Ahmad hat damit in Gaza angefangen, um anderen Jugendlichen Mut zu machen. Jetzt reist er mit Vittoria zusammen durch Europa, um auf die Probleme im Gaza-Streifen aufmerksam zu machen. Da war ich sehr beeindruckt.

20170109-dsc_1511
Gleich am Montag kamen Vittoria und Ahmad zu uns ins Café.

In meinem WWOOFer-Haus war ich die ersten drei Tage der Woche erstmal nicht allein, sondern Åke hatte zum Jahreswechsel ziemlich kurzfristig noch eine Frau aus St. Petersburg zum Freiwilligendienst angeheuert. Svetlana ist um die vierzig und in ihrem normalen Leben ebenfalls Englisch-Lehrerin. Sie hat ungeheuer viel geredet, aber auch viel gefragt, ständig meine englische Aussprache verbessert, aber auch mehrmals gutes Essen gekocht, unter anderem leckere Kascha, und eines Abends plötzlich mit mir Memory gespielt, weil ich die Vogelnamen auf Russisch und Englisch lernen sollte. Zum Schluss haben wir uns gegenseitig noch typische Wintersachen aus unserer jeweiligen Heimat geschenkt. Sie hat mir ein paar dicke Filzstiefel für drinnen dagelassen, und ich habe ihr meine Lovikka-Handschuhe mitgegeben. Das war wie früher beim Schüleraustausch! Da war ich erfreut.

Ansonsten habe ich viel gearbeitet, ja, alles, was jetzt so anliegt: Schnee geschnippt, Feuer gemacht, Brot gebacken, Verwelktes und Verblühtes aus Rabatten und Hochbeeten entfernt sowie Paprika, Chili, Auberginen, Artischocken, Lavendel, Salbei und  verschiedene Zierblumen in Anzuchtschalen gesät, die zuerst in Åkes Büro keimen durften, aber inzwischen schon im rot-blauen Frankenstein-Keller stehen. Und bei all dieser Arbeit habe ich mich sehr zu Hause und richtig gut geerdet gefühlt. Ach, wie schön! Dass am Mittwoch mein “neues Leben” schon seinen ersten Geburtstag gefeiert hat, habe ich dabei gar nicht bedacht. Erst jetzt, wo ich es aufschreibe, kam es mir in den Sinn. Da war ich nachdenklich.

Gestern nach der Arbeit war ich kurz in Göteborg, um noch ein bisschen Küchenkram für meine Bäckerei hier zu kaufen. Außerdem hatte ich noch einen Koffer dort, der nicht mit in die Skiferien gefahren war. Ja, genau der, welchen ich bei der Grenzkontrolle nicht zu öffnen brauchte, hihi. So jetzt ist also alles hier an Ort und Stelle. Und es fühlt sich wirklich gut an. Auf der Rückfahrt aus der großen Stadt hatte es nochmal angefangen zu schneien. Dicke Flocken – und schwups, war wieder alles weiß. Unter der Woche hatte der Schnee nämlich schon mal das Weite gesucht.

Und so war ich dann nach meinem City-Trip etwas später in der Sauna als gewöhnlich. Nur noch wenige Leute waren da, aber das war auch sehr nett. Ich konnte mich ganz ausstrecken und total die Seele baumeln lassen. Habe amüsiert den Gesprächen der anderen zugehört und wäre fast eingeschlafen… Diese Sauna direkt am Wasser mit dem großen Fenster zum See und den kleinen Kerzen ein bisschen überall ist echt magisch! Und wenn draußen dann auch noch der Schneesturm tobt, ist es drinnen unglaublich gemütlich. Schließlich hüpft man wie eine dampfende Pellkartoffel hinaus in die Kälte – und hinein ins eiskalte Wasser. Nichts, aber auch gar nichts ist dann auf der Welt noch wichtig.

Zusammen mit Paula, die an diesem Tag für die Sauna und den Holzofen verantwortlich war, habe ich dann zum Schluss noch schön rumgebummelt, und als wir dann schließlich ins Freie kamen, hatte es aufgehört zu schneien – und der Vollmond guckte aus den Wolken. Da konnte man ganz ohne Taschenlampe durch den Wald gehen, so hell war es, und ich musste an das Buch von dieser Frau denken, die mal in der Arktis überwintert hatte und bei Vollmond in der Polarnacht beinahe verrückt wurde. Das konnte ich mir plötzlich richtig gut vorstellen, denn ich habe für den Rückweg von der Sauna nach Hause mehr als eine Stunde gebraucht. Normalerweise ist es ein Fußweg von fünf Minuten. Da war ich verzaubert.

Warum ich diesen Eintrag “Buchweizen-Woche” genannt habe? Heute gab es in unserem Café nämlich noch eine Premiere: Wir haben frisch gebackene Waffeln serviert – nach meiner Idee und mit meinem Waffeleisen. Ein Rezept für glutenfreie Waffeln hatte ich im Internet gefunden – und dazu Schlagsahne und frische (aufgetaute) Waldbeeren gereicht. Es ist bei den Leuten richtig gut angekommen und so wollen wir das nun jeden Samstag machen. Und vielleicht auch freitags nach der Arbeit. Da war ich froh – und ein bisschen stolz.

Der Kuss der Schneekönigin

So. Nun weiß ich auch, wie sich eine TK-Pizza fühlen muss. Gestern war ich drei Stunden bei -18 Grad mit den Skiern im Wald und auf der Heide. Aber nur im Warmen sitzen ging auch nicht, weil es abgesehen von der Kälte ein so prächtiges Winterwetter war. Solange man draußen in Bewegung blieb, ging auch alles gut. Nur anhalten und stillstehen durfte man nicht. Dann war es, als würde man von der Schneekönigin geküsst.

 

Auf der Gatterspitze

Heute habe ich 1000 Höhenmeter in den Beinen. Also 1000 rauf und dann auch wieder runter. Denn heute früh hat der Berg ganz laut gerufen! Dieser Berg, der mich schon am ersten Tag so angelacht hatte. Aber es lag ja anfangs viel zu viel Schnee drauf! Eine Frau hatte ich getroffen, die gesagt hat, ich müsse im Sommer wiederkommen, dann wäre es eine schöne Tageswanderung. Aber so lange wollte ich irgendwie nicht warten. Dann ist der Schnee mehr und mehr geschmolzen, aber dort oben natürlich nicht ganz. An vielen Stellen war es ein halber Meter, und hätte ich heute diesen wunderbaren Hund nicht mit dabei gehabt, dann hätte ich es sicher nicht bis ganz nach oben geschafft. Oder ich wäre beim Absteigen irgendwo runtergesaust. Ein paarmal bin ich sowieso schon runtergesaust, auf dem Allerwertesten nämlich, aber es war nur ein einziges Mal, wo ich dabei die Stöcke verloren habe – und gedacht hatte: oh oh, nun kann ich nicht mehr anhalten. Aber schließlich konnte ich doch anhalten, wahrscheinlich hat mein Schutzengel wieder mal Überstunden gemacht – vielleicht, weil ich bei unserem Bauern auch andauernd Überstunden mache. Nach dem Gipfelsturm bin ich nämlich sofort in den Stall gestürmt und habe noch mehr als ein halbes Dutzend Schubkarren voller Mist auf den Misthaufen gefahren. Was für ein Sonntag!

20161127-pb270053

Mit dem vierbeinigen Bergführer auf der Gatterspitze (2430 m) – alle Bilder