Hello Loneliness

Auszeit vom wuseligen WWOOFer-Leben auf dem Hof. Es ist irgendwie lange her, dass ich mal soviel Raum und Zeit für mich ganz allein hatte. Ich genieße es, und verabrede mich mit Absicht nicht, treffe – neben den Besuchen im Krankenhaus – nur die Kinder.

Ich stöbere in Bibliotheken, richtigen und virtuellen, ich spaziere durch die Landschaft am Stadtrand, und ich gucke hin und wieder einen Film. Gestern spät am Abend kam “Die Wand” im Fernsehen. Den musste ich unbedingt sehen! Hatte mich doch das Buch schon stark bewegt. Außerdem war ich auf Martina Gedeck als Hauptdarstellerin, ja, eigentlich als einzige Darstellerin gespannt. Eine Rolle, für die man keinen Text lernen muss… Ein Film, der tief unter die Haut geht…

An einem der Abende davor war ich zusammen mit einem Schweizer Eigenbrötler im fernen Kanada hängengeblieben. “Das Territorium Yukon grenzt an Alaska. Es ist so groß wie Spanien, aber es leben nur 38.000 Menschen dort. Drei Viertel von ihnen drängen sich in White Horse, der Hauptstadt des Territoriums…” Das klingt vielversprechend!

“Wenn man am Wesentlichen geschnuppert hat und man fähig ist, die Ängste beiseite zu legen, merkt man plötzlich, dass man nicht so viel braucht, um zu leben.

Ich finde das moderne Leben schrecklich komplex. Wenn man einfacher leben kann, ist das eine Erleichterung, ein Aufatmen, wie ein frischer Windstoß.”

“Die Natur ist weder feindlich noch freundlich. Sie ist. Das ist alles.”

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Zeit der Kraniche

Da habe ich im Januar und Februar wohl doch ein bisschen zuviel Zeit in Küche und Café verbracht. Aber ich war so inspiriert nach meinem Aufenthalt in den Alpen, dass ich das Gärtnern und das “Kunden verwöhnen” irgendwie verbinden wollte. Geht aber jetzt nicht mehr. Denn nun bin ich fast hundertprozentig wieder Gärtnerin. Backe nur noch einmal die Woche Roggenbrötchen und am Wochenende dann die Waffeln, manchmal auch einen leckeren Zupf- oder Mohn-Quark-Kuchen.

Denn jetzt ist plötzlich sooo viel zu tun mit den/m Pflanzen überall: im Keller, wo immer noch der Paprika, der Chili und die Tomaten und Gurken wohnen, als Schulkinder also, denn alle müssen mindestens einmal umgeschult werden. Und weil wir dieses Jahr so gut wie keine Babypflanzen verloren haben, ist das eine Menge Arbeit. Die fünf Gewächshäuser haben wir inzwischen auch schon gut gefüllt, und heute habe ich die erste Petersilie nach draußen in die Hochbeete verpflanzt. Dann sprießt nun gerade der Bärlauch irgendwie überall. Den können wir jetzt schon ganz bald ernten und in die Bioläden der Stadt liefern.

Die letzten beiden Wochen hatte ich Hilfe von einer deutschen WWOOFerin, und am Samstag kam ein sehr nettes Pärchen aus Frankreich hier an – das bedeutet: Ich habe endlich mal wieder jemanden hier im Haus, der richtig gut kochen kann. Oh, das tut gut! Nach drei Monaten mit dem Kochmuffel Åke an meiner Seite und eher kurzen Intermezzi von eher wenig in der Küche engagierten jungen Leuten. Nun leben wir wie “Gott in Frankreich” – und ich genieße jede dieser mit Liebe und Phantasie gekochten Mahlzeiten sehr.

Ansonsten bin ich auch in meiner eher knapp bemessenen Freizeit hier gut in die Geschehnisse in unserem alternativen Dorf eingebunden. Am Sonntag vor einer Woche hatten wir eine Ideenkonferenz, wo wir mehrere neue Projekte ins Leben gerufen haben. Jetzt gehe ich immer mal wieder trommeln, tausche Erfahrungen über essbare Wildpflanzen aus und bin außerdem in der Garten- und der Fahrradgruppe. Dann gibt es regelmäßige Filmabende, entweder hier bei mir im “Wohnzimmer” oder bei einer Nachbarin, wo ich in den letzten Wochen diese Perlen entdeckt habe – alle absolut empfehlenswert:

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Kurzum: Es geht mir total gut mit all der Arbeit, den jungen Leuten, den Projekten – und der nun endlich wieder grünenden Natur rundherum.

Pausengespräche

Gestern hatten wir beim Mittagessen (Fredo hatte sich mal wieder selbst übertroffen mit Salat, Suppe, Hauptgericht und Dessert…) einige interessante Gesprächsthemen. Zuerst hat uns Tingting erklärt, warum der 20. Mai in China so eine Art extra Valentinstag ist. Wenn man also auf Chinesisch 5-20 (wǔ èrshí) sagt, denn so wird das Datum angegeben, dann klingt es fast wie “Ich liebe dich”. Viele Leute heiraten deshalb an diesem Tag.

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Und dann haben wir überlegt, wo man das Verlangen, stets online zu sein, in die Maslowsche Bedürfnispyramide einordnen müsste. Ziemlich weit unten, sind wir uns dann einig geworden. Wahrscheinlich gleich nach den physiologischen Bedürfnissen. Hier im neuen Haus gibt es nämlich noch kein Internet. Wenn demnächst mein mobiles Datenvolumen alle ist, dann muss ich mich also immer ins Café setzen, um mich zu vernetzen. Oder ich mache einfach mal eine Online-Pause. Mal sehen, wie meine persönliche Pyramide gerade so aufgestellt ist.

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Außerdem habe ich gestern den ersten Kuckuck gehört – und wir haben Fredo das besondere “Brutverhalten” dieses komischen Vogels erklärt und dass wir, wenn wir hier endlich den Projektor installiert haben, unbedingt zusammen den Film mit dem Kuckucksnest gucken müssen. Denn den kannte unser junger Herr Regisseur nämlich noch gar nicht. Unglaublich!

PS: Habe soeben die aktualisierte Pyramide von meiner Schwester gemailt bekommen!

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Hihi! 😉

Freak out!

Ich muss da zu meinem Eintrag von gestern noch was nachlegen. Sicher kam es so rüber, als würde ich mich über die Hippies einfach nur lustig machen. Okay, ein bisschen amüsiert habe ich mich tatsächlich, dass Leute in meinem Alter und älter (aber auch jünger) so etwas so ernst nehmen. Ich musste bei unserer Fanatasie- und Zeitreise nach Jerusalem immer an “Life of Brian” denken und beim Ringelpietz mit Anfassen an unsere Reigenspiele im Kindergarten.

Also habe ich dann gestern noch den ganzen Abend mit Åke, meinem Chef, Ökobauern und Gründer des Kurszentrums hier nebenan, über diese Leute geredet. Er kennt sie ja alle – und er sagt folgendes: Es gibt diese New-Age-Hippies, die allerlei esoterischen Schabernack betreiben. Die nimmt er nicht ernst. Aber dann gibt es Leute, die versuchen, irgendwie alternativ zu leben und in/an alternativen Projekten arbeiten. Die ernsthaft meditieren und Kurse zur persönlichen Weiterentwicklung besuchen oder Kurse in Naturheilkunde oder Akupunktur. Die treffen sich eben gerne auf solchen Sessions, um Gemeinschaft zu fühlen und sich auf ihrem alternativen Weg gegenseitig zu bestärken.

Und dann hat er mir von einigen auch ganz konkret was erzählt. Carl zum Beispiel ist Dokumentarfilmer, und er hat unter anderem einen sehr interessanten Film über die Kooperative auf dem Monte Verità gemacht. Kenia malt, töpfert und schreibt Lieder. Anna war 1986 Miss Sweden, später Fotomodell in den USA und ist jetzt sehr aktiv im Kurszentrum. Über ihre Tochter Freia hat Carl auch einen Film gemacht. Ben, unser Hippie-Anführer, ist Tischler und seine schönen Möbel stehen auch hier bei Åke im Haus. Akasha organisiert jedes Jahr das Space of Love Festival auf Öland, wo auch Tim und Vigyan Lehrer sind.

Da war ich ganz schön beeindruckt, und dann etwas betreten, weil ich diese Leute doch etwas vorschnell beurteilt hatte. Das lag sicher auch daran, dass sich gestern keiner zu Beginn der Session präsentiert hat. Jeder hat nur seinen Namen gesagt und was er sich für den gemeinsamen Tag wünscht. Und das hatte mir ja eigentlich gut gefallen.

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Ackerbau in der Vegetabilen Cooperative Monte Verità (1907)

Zwei völlig unterschiedliche Filme

Ich habe gerade ein bisschen Urlaub. Fünf Tage Auszeit, bevor ich am Dienstag auf dem nächsten Hof anfange. Bin in der großen Stadt, erledige ein paar große-Stadt-Dinge, kuriere den letzten Kleinkinder-Schnupfen aus und lasse es ansonsten ganz ruhig angehen.

Vorgestern habe ich “Wolke Sieben” aus ihrem Winterquartier geholt. Sie stand noch an das Waldengel-Fahrrad gekettet dort in seinem Fahrradkeller. Voriges Jahr hatte ich mich mit einem sehr netten Fahrrad-Opa dort im Fahrradkeller ein bisschen angefreundet. Er werkelte manchmal an seinem Radel rum – und weil ich selbst zu der Zeit gerade gar nicht so viel Zeit hatte, an “Wolke Sieben” herumzuwerkeln, hat er das dann auch übernommen. Belohnt habe ich ihn immer mit selbstgemachter Beerenmarmelade. Nun hat mein Radel endlich einen neuen Sattel, die Kette ist ordentlich gespannt (Wieso kann Metall eigentlich ausleiern?), die Bremsen haben neue Backen und die Schaltung ist justiert. Geschmiert, gepumpt und geputzt ist es auch. Fast wie ein neues Fahrrad!

Der Fahrrad-Opa war auch besonders gut drauf vorgestern, und ich habe ihn gefragt, ob es vielleicht an den Schneeglöckchen liegt, die seit ein paar Tagen überall herumbimmeln. “Sie heißt Karin”, hat er da freudestrahlend geantwortet, und einmal wäre er schon bei ihr zum Mittagessen gewesen. Na, da habe ich ihm herzlich gratuliert, und dann versprochen, dass wir zusammen ein Stück Kuchen essen gehen, wenn ich dann in zwei Wochen das Waldengel-Fahrrad abhole.

Mit einer Schniefnase und nur ein paar Grad über Null sind ausgedehnte Radtouren gerade nicht so angesagt, und also gucke ich lieber ein bisschen in die platte Röhre. Auf dem ersten Hof war das Internet dann plötzlich alle, und so hatte ich es fast verpasst, auf ARTE einen interessanten Dokumentarfilm über mein alten Schwarm Alain Delon zu gucken. Das habe ich nun gestern nachgeholt. Wer das auch nachholen will, muss sich beeilen, denn der Film ist nur noch bis zum 29. Februar online.

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Alain Delon, persönlich

Von meinem Sohn hatte ich schon vor einer Weile einen ganz anderen Filmtipp geschickt bekommen. Den habe ich inzwischen auch angeschaut. Schon das zweite Mal in kurzer Zeit, dass ich einen Film über die Inuit in Kanada gesehen habe.

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Inuit Knowledge and Climate Change

Holz und Feuer

Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder Rivers and Tides gesehen, diesen Film über Andy Goldsworthy. Obwohl ich den Film schon viele Male angeschaut habe, sehe ich ihn immer wieder ein bisschen anders, mit neuen Augen, einem veränderten Fokus. Irgendwann sagt Andy Goldsworthy in diesem Film: “Wenn ich ein Material verstehen will, einen Stein oder eine Pflanze, muss ich damit arbeiten. Und damit ich mein Werk verstehen kann, muss die Natur oder die Zeit etwas damit machen, es verändern, bewegen oder sogar zerstören…”

Daran musste ich die letzten Tage oft denken, als wir damit beschäftigt waren, von verschiedenen gefällten Bäumen die Äste zu zersägen und die Zweige zu verbrennen. (Die Bäume wurden gefällt, damit die Weinpflanzen im Sommer nicht im Schatten stehen.) Ich weiß schon eine ganze Menge über Bäume, habe ziemlich genau vor einem Jahr sogar mal ein Dutzend Leute durch die Gegend geführt und ihnen erklärt, wie man die Bäume im Winter ohne Blätter erkennt. Und also wusste ich nun sehr wohl, von welchen Bäumen ich da in den letzten Tagen die Äste zersägt und die Zweige verbrannt habe.

Aber diese Arbeit hat mir trotzdem nochmal neue und interessante Erfahrungen vermittelt. Erlenholz zum Beispiel bekommt erst diese tolle rot-orange Farbe, wenn es mit Luft in Berührung kommt. Direkt nach dem Zersägen ist es nämlich noch gar nicht so rot-orange, sondern unscheinbar blass. Das wusste ich vorher noch nicht. Und die Zweige von Erlen und Eschen lassen sich ziemlich leicht zerbrechen, während man sich bei denen der Weiden, Espen und Kirschbäume ganz schön anstrengen muss. Dass Weidenzweige elastisch sind, wusste ich schon, aber dass Espenzweige es auch sind und wie hart Kirschzweige sind, das habe ich nun erst erfahren. Am eigenen Leibe sozusagen. Auch riechen die verschiedenen Hölzer unterschiedlich, wenn sie verbrannt werden.

Aber insgesamt war die Erle mein Favorit, mit ihrem farbenfrohen Holz und den lustigen lila Knospen. Von dem gefällten Baum habe ich mir deshalb ein paar Zweige aufgehoben. Wenn ich Glück habe, kriegen sie Wurzeln. Und dann pflanze ich als Ausgleich irgendwo anders ein paar neue Erlen.

Richtig gemütlich wird es am Feuer natürlich erst, wenn es abends dunkel wird…