Multikulti-Sonntag

Seit einer guten Woche bin ich auch nicht mehr allein in unserem Wwoofer-Haus. Zuerst kam ein Pharao-Jüngling (22) aus Ägypten hier an, und ein paar Tage später ein junger Mexikaner (21). Der eine lang und stark und überaus rede- und sprachbegabt, der andere eher still, aber sehr belesen und vollkommen verrückt nach Skandinavien. Der Pharao ist inzwischen schon wieder abgereist, und also habe ich gestern nur den Mexikaner auf’s Glatteis geführt – ich habe ihn nämlich einfach zum Eislaufen mitgenommen. Das war für ihn das allererste Mal im Leben, und wir hatten zusammen viel Spaß, hihi!

Am Nachmittag war ich gestern zuerst bei Herrn Möwe, habe wie immer für ihn eingekauft und ein bisschen bei der Administration geholfen. Dann sind wir zusammen in ein Restaurant in der Stadt gefahren und haben schwedische Hausmannskost und französischen Nachtisch gegessen sowie französischen Wein getrunken. Hhhmm, lecker!

Danach hatten wir Konzertkarten – für das Freiburger Barockorchester. Dieses exzellente Orchester haben wir schon mehrmals gemeinsam genossen – und es ist immer wieder wunderbar. Gestern standen die Stimme von Matthias Goerne und die Barockoboe von Katharina Arfken im Mittelpunkt. Besonders haben mir das Doppelkonzert von Bach und seine Kantate Ich habe genug gefallen.

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Monduntergang kurz vor Sonnenaufgang
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Sesshaft im Aufbruch

Und so sitze ich mal wieder im Bus, einem Bus, der mich nach Norden bringt. Das Meer liegt schon seit einer Weile hinter mir, aber draußen ist es immer noch finster. Schlafen mag ich nicht mehr, und so höre ich Musik und lasse die Gedanken wandern…

Es ist die gleiche Platte von Kari Bremnes, die ich auch auf den Ohren hatte, als ich Anfang November mit dem Zug von München in die Alpen reingefahren bin. Und also sehe ich die Berge wieder vor mir – ach, diese Berge – und wie ihre Farben plötzlich von Herbst auf Winter umgeschlagen sind… In mein Notizbuch hatte ich damals diese Zeilen gekritzelt:

“Züge kommen und gehen. Tausend Züge pro Tag. Alle gehen ohne dich. Du kannst sie komplett ignorieren, genau wie sie dich ignorieren. Oder du kannst auf einer Brücke stehen und ihnen hinterhergucken, während das Fernweh in dir nagt…

Doch dann plötzlich, in den Zug Nummer eintausendundeins, da steigst du ein. Und nun rollt die Welt an dir vorbei – tausendmal besser als der beste Dokumentarfilm in HD, denn es ist deine Welt und es sind deine eigenen Augen! Orte, die du bisher nur von der Landkarte oder überhaupt nicht kanntest, die bekommen plötzlich einen Kirchturm, eine Dönerbude, ein Kopfsteinpflaster, eine Dorflinde, eine Frau mit Hund und Kinderwagen, einen vorbildlichen Holzstapel neben einem vorbildlichen Haus.

In den Bergen liegt schon Schnee – und ich kriege eine Art Schüttelfrost aus fiebriger Erwartung. Wo kommt nur das Zigeunerblut in mir her? …”

Im allerletzten Muminbuch, diesem, welches eigentlich schon längst kein richtiges Kinderbuch mehr ist, beginnt das erste Kapitel so:

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Und ein paar Seiten weiter steht:

“Manche bleiben und manche brechen auf, so ist es immer gewesen. Jeder hat die Wahl, muss seine Wahl jedoch zur rechten Zeit treffen und darf sie niemals bereuen.”

Ein anderes Buch, eines, das mir unterm Weihnachtsbaum zugelaufen ist, beginnt auch mit einem Aufbruch:

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Ja, vielleicht bin ich tatsächlich nicht richtig an der Erde befestigt. Aber rastlos bin ich nicht. Dann schon eher sesshaft im Aufbruch. Und nicht mal das herrlichste Märchenschloss kann mich halten!

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Peter Singer schreit Weihnachtslieder

Habe gerade genug Zeit und Muße, um auch mal wieder ein bisschen ostalgisch zu werden. Außerdem erinnern einen solche Feiertage ja auch immer irgendwie an die Kindheit… Bei einer Weihnachtsfeier am Mittwoch im Oderbruch hatten wir bereits über Schrank Fröbels Weihnachten in Familie geplaudert, und mir war dann noch die Platte von Peter Schreier eingefallen.

Heute früh sind mir dann plötzlich die Jungs aus Frankreich – Les Poppys – in den Sinn gekommen. In die war ich damals ziemlich verknallt, so wie man eben in einem gewissen Alter in eine ganze Boygroup verknallt sein kann, auch wenn es sich dabei um ziemlich viele Jungs handelt. Aber in diesem Alter hat man so einen Überschuss an Liebe in sich, dass sie ohne Probleme auch für eine so große Boygroup reicht.

Mit meiner Schwester habe ich zu Weihnachten immer ein Kulturprogramm aufgeführt. Das konnte alles mögliche enthalten: instrumentale und gesungene Stücke, Gedichte, akrobatische Übungen. Einmal haben wir so eine Art Karaoke-Show mit einer Reihe von Liedern der Poppys abgezogen. Das Wort Karaoke kannten wir damals allerdings noch nicht. Jedenfalls hatten wir etliche Lieder auswendig gelernt und dann mit den entsprechenden Schlaghosen, Hemden sowie der dazu gehörenden lässigen Körpersprache und einem leisen Tonband im Hintergrund vorgetragen. Sowas vergisst man einfach nicht – Sternstunden im Leben sozusagen…

Gestern war ich in Eberswalde auf dem Markt beim Weihnachtssingen. Das war auch irgendwie lustig. Ein Chor hat für die richtige Melodie gesorgt (allerdings immer in einer viel zu hohen Stimmlage) und für den Text waren Zettel ausgeteilt worden oder man konnte sie direkt von einer Webseite aufs Telefon laden. Ja ja, Weihnachten anno 2016. Wir sind alle schön vernetzt…

Frostnätter

Die Erntesaison geht so allmählich in ihre terminale Phase, denn in den letzten beiden Nächten gab es den ersten Frost. Wir ummanteln abends die Dahlien und die Kürbisse mit Pappe, Planen und Decken – in der Hoffnung, dass die Temperatur sich nochmal einkriegt, und die Blumen und die Kürbisse noch ein bisschen wachsen. Huh! – Plötzlich muss man sich wieder warm anziehen, vor allem in den kühlen Morgenstunden, und die Freitagssauna am See ist wieder richtig gut besucht. Sie wird mit Holz beheizt, hat ein Fenster zum See, wo man nun gerade immer den Sonnenuntergang und das bunte Licht hinterher bestaunen kann. So richtig gut aufgeheizt hopsen wir dann jauchzend ins kalte Wasser, und seit ich hier im März angefangen habe, war ich noch nicht ein einziges Mal erkältet.

Wir ernten aber immer noch fleißig dreimal in der Woche, denn der Bauernmarkt in der Stadt jeden Samstag ist stets gut besucht und die Läden wollen weiterhin zweimal in der Woche ihr ökologisches Chlorophyll. Letzte Woche haben wir mehr als 300 Bunde Grünkohl in die große Stadt geliefert! Andererseits haben aber die Elche fast den ganzen Broccoli aufgefuttert, und das ist nicht so toll…

Ansonsten lese ich sehr viel, was weniger was mit dem Wetter, sondern meistens mit meinem Uni-Kurs zu tun hat. Ach, es ist ganz herrlich, gezwungenermaßen eine Menge schwedischer Kinder- und Jugendbücher lesen zu müssen! Aber auch die Meta-Bücher sind voller interessanter Denkanstöße und Lesetips. Amüsant ist auch, was in anderen Ländern aus gewissen Kinderbüchern gemacht wird, ja, was zum Beispiel in den USA geändert oder weggelassen wird. Ein Bilderbuch, das ich mir unbedingt noch ausleihen muss, heißt: Else-Marie und die sieben kleinen Papas. Auf der letzten Seite im Buch sitzen sie alle in der Badewanne: die Mama, Else-Marie und natürlich die sieben kleinen Papas. Dieses Bild wurde in den USA allerdings nicht mit ins Buch genommen, hihi!

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Ich finde es herrlich!

Letzte Woche war ich auch wieder mal mit Herrn Möwe in der großen Stadt im Kammerkonzert. Ein Streichquartett aus Oslo hat Beethoven gespielt. Und weil Herr Möwe immer ganz dicht dran sitzen will, komme ich auch stets in den Genuss von “Klassik zum Anfassen”. Das ist schön! Auch habe ich nun bereits zum zweiten Mal etwas gesehen, das mich hat stutzen lassen…

Die Vorgeschichte dazu: Schon vor etlichen Jahren war ich zusammen mit einem Freund immer mal wieder im Konzerthaus in Berlin, und er hat jedesmal angemerkt, dass er es ziemlich altmodisch findet, wie die Musiker immer noch ihre Noten manuell umblättern, oder sich Seiten ausgefeilt zusammenkleben, damit sie nicht umblättern müssen. Da sollte es doch was Moderneres geben, was Automatisches! Aber ich habe immer nur den Kopf geschüttelt und gemeint, das wird sich nie ändern! Außerdem finde ich es putzig, wie die Streicher nach dem Umblättern immer mit ihren Bögen der Seite noch so einen kleinen Schubs geben. Ich mag das.

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Nun hat die moderne Technik aber tatsächlich Einzug in den Konzertsaal und das Notenpult gehalten, und zwar in Form von eingescannten Noten, Tablets in A4-Größe, gesteuert mit zwei Fußpedalen zum Vor- und Zurückblättern! Hm, was soll man davon halten? Keine Noten mit lustigen Eselsohren mehr, keine zusammengeklebten Seiten in Überbreite, nicht mehr dieser liebevoll-energisch kleine Schubs mit dem Bogen…

Zum Schluss noch ein paar aktuelle Bullerbü-Bilderbuch-Bilder von unserem Hof, aus der großen Stadt und aus dem großen Wald:

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Herbstanfang – alle Bilder

The house of the rising sun

Nun ist Hochsaison für’s WWOOFing, und wir sind zusammen mehr als ein Dutzend hier auf dem Hof sowie bei Gert und Akasha. Da kommt ein bisschen Ferienlagerstimmung auf, zumal auch im Kurszentrum nebenan gerade viele Leute sind. Sie haben ihre Zelte auf der großen Wiese aufgeschlagen und wir hören bei der Arbeit den ganzen Tag ihre Gesänge. Unser Freund aus Buenos Aires ist bei der aktuellen Zeremonie dabei, und wenn er spät am Abend nach Hause kommt, sieht er ein bisschen mitgenommen, aber auch sehr glücklich aus. Wir haben in der letzten Woche mehrmals über diese Art von Bewusstseinserweiterung diskutiert, und ich habe auch im Internet viel darüber gelesen. Bin aber noch nicht ganz fertig mit meinem Standpunkt dazu…

Dann hatten wir die Idee, einfach mal die anderen WWOOFer in unser großes, neues Haus einzuladen – und gestern war es dann soweit. Zuerst waren wir alle Beeren und Unkraut pflücken, dann haben wir daraus Krümelkuchen gebacken und grüne Smoothies gemixt. Und schließlich saßen wir alle auf dem Fußboden, nachdem auch der letzte Krümelkuchenkrümel das Zeitliche gesegnet hatte, und wir haben Musik gemacht und gesungen. Oh, das war soooo herrlich! Ein Mädel aus Amerika und ein Junge aus Frankreich hatten ihre Gitarren mitgebracht, ein anderer Franzose seine Klarinette und ein Mädel aus Sachsen ihre Stimme. Sie singt nämlich in einer Band. Und wie!

Ich hatte plötzlich eine Mundharmonika in der Hand (sie muss aus dem Mumintal gekommen sein), und Lieder, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie kann, sind einfach so aus einer ganz verstaubten Ecke meiner grauen Zellen herausgepurzelt. Mannomann, es war wirklich ein wunderbarer Abend! Ich habe mich automatisch dreißig Jahre jünger gefühlt, und die Wirkung hält noch an… 😉

Beim nächsten Mal setzen wir uns allerdings bei Gert auf dem Grundstück unten am See ans Lagerfeuer. Dann wird es bestimmt noch besser.