Wortspiele im Souterrain

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist das Umpflanzen (Transplantieren!) von ganz jungem Gemüse. Während der letzten Woche waren das ungefähr 200 Paprika-Pflanzen. Die hatten wir Anfang des Jahres in so grüne Schachteln gesät, immer 12 Stück in eine Schachtel. Nun waren sie inzwischen groß genug, so dass jedes Pflänzchen ein eigenes Zuhause bekommen konnte. Ach, ich liebe es! Dabei kann ich Zeit und Raum (fensterloser Keller mit lila Pflanzenlicht) total vergessen…

20170225-unnamed
Meine Umschüler vor der Umschulung…

Lustig ist, dass diese Tätigkeit auf Schwedisch “Umschulen” heißt. Da habe ich es also wieder mal mit Umschülern zu tun. Aber meine jetzigen sind viel leichter zu handhaben als meine damaligen. Obwohl ich es auch damals gern gemacht habe.

20170223-dsc_1743
… und danach.
Advertisements

Nachschlag aus dem Tiroler Gailtal

Ich muss noch ein bisschen was nachliefern zu meinen frisch gebackenen alpinen Erfahrungen. Also zuerst das mit der Sprache. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich mich in Tirol und seinen hohen Tälern aufgehalten habe, aber diesmal war der lokale Dialekt so schwer zu verstehen, dass ich so gut wie gar nix mitbekommen habe, wenn die Einheimischen miteinander gesprochen haben.

20161214-dsc_1294

Für die Küche hatte ich zum Glück eine kleine Wortliste hinten im gängigen Lokalkochbuch. “Keschtn” haben wir regelmäßig im Ofen gemacht, aber es hat trotzdem ein bisschen gedauert, bis ich geschnallt habe, dass dies nicht die schwedische Aussprache meines Vornamens ist, sondern die lokale Bezeichnung für Esskastanien.

Zwei wichtige lokale Ereignisse habe ich auch ziemlich hautnah miterleben dürfen. Einmal ist jemand in der Nachbarschaft gestorben, und ich war erstaunt, was in einem katholischen Dorf dann alles so abläuft. Die Mitglieder meiner Gastfamilie sind mehrmals dorthin zum Beten gegangen. Und dann hat das halbe Dorf am Trauerzug teilgenommen, die Mitglieder der örtlichen Vereine hatten alle Trachten an und die Blasmusiker haben die passende Blasmusik dazu gespielt. Als ich später mit dem Hund draußen war, habe ich die Trauerrede des Pfarrers durch das ganze Tal gehört, denn alles wurde mit Lautsprechern aus der Kirche auch nach draußen übertragen. Sehr merkwürdig…

Dann war an einem Samstag Ende November im Gemeindehaus der traditionelle Adventsmarkt, und dorthin bin ich auch mitgegangen. Zuerst haben der Bürgermeister und der Pfarrer geredet, man betete zusammen und zwischendurch hat ein Junge immer wieder traditionelle Melodien auf der Ziehharmonika zum Besten gegeben. Das Musizieren spielt in vielen Familien offensichtlich eine wichtige Rolle und viele Kinder lernen ein Instrument.

Nach dem offiziellen Teil konnte man dann verschiedene Adventskränze erstehen, die vorher von den örtlichen Frauen gebunden worden waren mit den Zweigen, die die örtlichen Männer aus dem Wald geholt hatten. Als alle ihren Kranz gefunden hatten, wurden die Tische gedeckt und man konnte Kaffen und Kuchen kaufen. Beim Anblick des riesigen Kuchen- und Tortenbuffets sind mir echt die Augen übergegangen. Schließlich konnte ich mich für ein Stück Mohntorte entscheiden und habe mir noch ein Stück Nusstorte für meine Bergwanderung am nächsten Tag einpacken lassen. Wir selbst hatten am Vormittag eine Menge Osttiroler Breatl gebacken, die dort auch zum Verkauf angeboten wurden.

Etwas, das dort in der Gegend eine große Rolle spielt, ist der Nikolaus und die mit ihm zusammen umherziehenden Krampusse. Life habe ich während meines Aufenthaltes dort keine erlebt, aber viel davon gehört. Von den wertvollen Holzmasken, den Schlägereien und allen möglichen Geschichten im Zusammenhang damit. Weil es in Schweden überhaupt keinen Nikolaus gibt, war ich überrascht, welcher Kult sich in den Alpenländern darum abspielt. Bei mir selbst war übrigens nur der liebe Nikolaus ohne die bösen Krampusse – mit vielen leckeren Sachen aus der Region.

20161206-dsc_1249

Und ganz zum Schluss will ich alle, die gern wandern noch auf zwei wunderbare Höhenwege aufmerksam machen:
Den Gailtaler Höhenweg und den Karnischer Höhenweg.

Abenteuer dort und hier

Der Sommer ist zurück – und das Leben voller Mücken und Blaubeeren. Auf dem Hof sind wir im Moment vier WWOOFer, nachdem gestern ein Mädel aus New York angekommen ist. Mein mündliches Englisch ist in den letzten Monaten tatsächlich besser geworden, und ich war schon ein bisschen stolz, aber nun habe ich plötzlich mit dem verstehenden Hören meine Schwierigkeiten, denn das ausgeleierte Amerikanisch hat irgendwie nicht viel zu tun mit dem gepflegten Englisch, das wir anderen Nicht-Yankees alle in der Schule gelernt haben, und mit dem wir uns gegenseitig so gut verstehen. Nun ja, andere Länder, andere Sitten, anderes Englisch…

20160719-P7190006
German BBQ – mit WWOOFern von vier Kontinenten (wenn man Nord- und Südamerika extra rechnet…)

Letztes Wochenende habe ich mir jedenfalls mal wieder eine längere Auszeit gegönnt. Da war ich mit einer Freundin am schönen Vättern zum Wandern und Power-Geocachen. So richtig wild gecampt, wie ich es mit dem Waldengel gewohnt war, haben wir zwar nicht, aber auch auf einem Campingplatz ist man ja immer an der frischen Luft, und wenn er dazu noch direkt hinter dem längsten Süßwasser-Sandstrand Skandinaviens gelegen ist, dann bleiben nicht mehr viele Wünsche offen. Eigentlich keine. 🙂

20160715-DSC_0478

Motala und Omberg – alle Bilder

English for runnaways

Laaaangsam, aber nur gaaaanz laaangsam komme ich wieder in die Spur mit dem Englisch quasseln. Und doch ist mein spontan verfügbarer aktiver Wortschatz immer noch nur ein winziger Bruchteil von dem, was ich verstehe, wenn andere reden oder wenn ich lese. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich – außer damals in der Schule – mich nie mit Englisch irgendwo durchschlagen musste. In meiner wilden Jugend und den Reisen damals nach Osteuropa konnten ja alle Russisch, und ich habe es geliebt: Diese Sprache und die andere Schrift! Ich glaube, wenn man mich jetzt nach Sibirien schicken würde, dann könnte ich mein Russisch mit viel weniger Mühe wieder aktivieren – verglichen mit meiner immer noch ziemlich peinlichen Stammelei auf Englisch. Ja, bisher bestand einfach viel zu selten die Notwendigkeit, damit mündlich zu kommunizieren. Auch nach der Wende bin ich noch nie in ein englischsprachiges Land gereist, und in Südeuropa habe ich lieber schnell ein bisschen Italienisch oder ein paar Brocken Spanisch aufgeschnappt und die avancierte Kommunikation meinen besser geschulten Kindern überlassen.

Aber ich gebe nicht auf. Wenn ich noch ein paar Jahre so leben will – als WWOOFer in verschiedenen Ländern, dann ist überall Englisch zumindest die Sprache der Volontäre untereinander. Jetzt auf dem Hof hat Fredo zum Glück immer ein Nachsehen und viel Geduld mit mir, und ich greife nur im Notfall zu Deutsch, denn das versteht er ja auch ganz gut. Lustig ist nun allerdings, dass ich inzwischen mehr “Fachsprache” mündlich drauf habe als Phrasen für das allgemeine Geplänkel. Aber wo unterhält man sich denn normalerweise über den Reifendruck bei einer Schubkarre oder darüber, wie genau man Portulak oder Petersilie richtig erntet?

Na, alles braucht halt seine Zeit, und die Tage ist mir dann noch ein Buch über den Weg gelaufen (Fredo hatte es unterm Arm, als er vom Schwimmen und Sonnenbaden kam), das vielleicht ein bisschen ein Katalysator auf meinem irgendwie recht steinigen Weg zur besseren Mehrsprachigkeit sein könnte. Ganz einfach, weil mich das Thema wirklich sehr interessiert. Hier ist es:

9781444780109_1

The natural navigator

Jaaaaa! Endlich mal jemand, der dir nicht nahelegt, welches neue schicke GPS-Gerät du dir unbedingt kaufen musst, damit du noch schneller und präziser durch die Natur rennen kannst, sondern jemand, der sich draußen alles sehr genau anschaut. Jemand, der niemals Google Maps beim Wandern zu Hilfe, sondern sich lieber die Zeit nimmt, von einer Landschaft eine Skizze zu machen, um sie besser zu “verstehen” und um sich darin zu orientieren und sicher zu bewegen.

Ich habe mir also jetzt das Buch auf Englisch gekauft, und zwar als Kindl-Version, weil ich doch beim Vagabundieren keine dicken Bücher mit mir rumschleppen kann. Da hat es außerdem nur achtfuffzich gekostet, was ich sehr vornehmlich fand. Und dann habe ich entdeckt, dass man im eBook-Reader ein Wort antippen kann, und sofort hat man drei Möglichkeiten in drei kleinen extra Fenstern: den Eintrag zu diesem Wort im “Oxford English Dictionary”, einen Vorschlag aus einem Englisch-Deutschen Wörterbuch und außerdem einen Link zum entsprechenden Wikipedia-Artikel. Das ist vor allem bei den vielen Namen von Bäumen und Wildpflanzen eine sehr große Hilfe.

Dieses Buch werde ich jetzt also schööön laaangsam durcharbeiten, um noch mehr über die großen und die kleinen Dinge in der Natur zu lernen – und gleichzeitig (hoffentlich!) meinen aktiven Wortschatz ein bisschen aufzupäppeln. Also über die Eigenheiten von Efeu in seinen zwei verschiedenen Lebensstadien und über die Faustregeln, die für das Auftauchen und die Interpretation von Regenbögen gelten, könnte ich jetzt vielleicht schon einen klitzekleinen Vortrag auf Englisch halten. Fragt sich nur, wer sich dafür wirklich interessiert… 😉

Fucking Babel!

Wenn man all die Stunden und all die Energie, die dabei draufgeht, Fremdsprachen zu lernen, zusammenfasst und wenn man diese Stunden und diese Energie stattdessen für ganz andere Sachen verwenden würde, Krebsforschung zum Beispiel oder “Mehr Zeit für Kinder” oder einfach nur Relaxing und Wellness… (Gibt’s dafür auch deutsche Wörter? 😉 )

Seit gestern sind wir wieder zwei WWOOFer hier auf dem Hof. Ein junger Mann aus Argentinien ist jetzt – genau wie ich – für etliche Monate hier. Und damit ist das Sprachen-Kuddelmuddel perfekt. Er spricht mit Åke und Tingting Englisch, will aber gerne sein Deutsch verbessern, wobei ich ihm helfen soll. Ich will mein Englisch verbessern, also mische ich Englisch und Deutsch mit ihm und Schwedisch und Englisch mit Åke und Tingting. Tingting will ihr Schwedisch verbessern, dabei helfen ihr Åke und ich. Und eigentlich müsste Åke jetzt Spanisch üben, damit es insgesamt für alle aufgeht. Aber Åke übt kein Spanisch. Dafür haben wir zwei Handwerker aus Holland auf dem Hof, und dann noch den Dänen aus Dänemark. Und da hilft mir auch nicht die alte Weisheit “Dänen lügen nicht”, denn Dänisch ist eine Sprache, mit der ich mich sehr schwertue.

Die Dänen sind geiziger als die Italiener.
Alle Letten stehlen.
Alle Bulgaren riechen schlecht.
Rumänen sind tapferer als Franzosen.
Russen unterschlagen Geld. –
Das ist alles nicht wahr,
wird aber im nächsten Kriege
gedruckt zu lesen sein.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

Confusion_of_Tongues

Die Sprachverwirrung (Bibelillustration von Gustave Doré, 1865)