Augen auf…

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… im Straßenverkehr! So hat man es uns damals beigebracht, gleich nachdem wir in die Schule gekommen waren. Und gewisse Sprüche aus meinem Heft zur “Prüfungsvorbereitung” für das Goldene-Eins-Abzeichen kriege ich wohl nie wieder aus meinem Kopf. Unter dem Buchstaben A gab es den hier zum Beispiel:

Alleen laufen quer durchs Land.
Wir gehen links am äußren Rand.

Und das habe ich tatsächlich mein ganzes Leben lang brav beherzigt – auf den vielen, vielen Alleen, die ich dann so im Laufe der Jahre entlang gewandert bin.

Das genaue Hinsehen und Augenaufmachen lässt sich aber noch viel besser draußen in der Natur praktizieren. Auch das habe ich schon früh erkannt. Eigentlich noch viel früher…

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Und deshalb muss ich eigentlich gar nicht so weit hinaus ins Grüne, um allerlei Schönes zu entdecken. Alles, was ich brauche, liegt direkt vor den Toren der Stadt oder sogar innerhalb ihrer Grenzen. Man muss eigentlich nur die Augen aufmachen.

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Augen auf! (alle Bilder)

Seenswürdigkeiten

Die Eiszeit hat das Wald- und Wasser-Land nordöstlich von Berlin gemacht – mit ihren sanften Hügeln, den vielen Seen, den manchmal sogar schroffen Endmoränen und den wasserreichen Urstromtälern. Sand gibt es zuhauf und der Geruch in den trockenen Kiefernwäldern ist der Geruch meiner Kindheit. Denn das Wald- und Wasser-Land nordöstlich von Berlin, das hat mich gemacht, es hat mich an die Hand genommen, mir die Augen für die Schönheit der kleinen Dinge geöffnet und mir so viel Gelassenheit und einfache, kindliche Fröhlichkeit in die Seele gepflanzt, dass diese mich das ganze Leben bisher nie im Stich ließen.

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Die großen Seen meiner Kindheit heißen Werbellin– und Parsteiner See. Ihr Wasser ist klar und die Bäume an ihren Ufern sind zum Teil sehr alt. Immer wieder bin ich im Laufe meines Lebens zu ihnen zurückgekehrt. Sie vermitteln Beständigkeit im Trubel unseres ansonsten so schnellebigen Alltags. Wenn sich Dinge ändern oder einfach verschwinden, kann man sich quasi auf sie verlassen. Gewiss ist es an ihren Ufern teilweise ein bisschen schnieker geworden und die Segelboote sind luxuriöser, aber das Grün der Bäume und der Gesang der Wasservögel ändert sich nicht.

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Ich habe sie beide wieder besucht in den letzten beiden Wochen. Mit der Eisenbahn, zu Fuß und mit dem Fahrrad. Habe mir viel Zeit genommen, habe verweilt und geguckt. Und weil es so warm war, habe ich natürlich auch gebadet. Dass es unseren alten FKK-Zeltplatz bei Herzsprung immer noch gibt, hat mich dabei sehr erfreut.

In alten Fotos habe ich auch gestöbert. Als ich noch sehr lütt war, sind wir mit dem Motorboot von Schwedt bis in den Werbellin gefahren und haben dort gezeltet. An manches kann ich mich sogar noch erinnern: vor allem die Passage unseres kleinen Bootes durch das riesige Schiffshebewerk!

Buchweizen-Woche

Jetzt bin ich noch nicht mal richtig eine Woche wieder auf meinem Heimathof bei Åke in Svenshögen, aber es fühlt sich an, als wären es schon zwei Wochen gewesen. Hm, wo soll ich mit dem Erzählen anfangen? Vielleicht einfach der Reihe nach.

Die Rückfahrt aus den Skiferien mit dem Bus war wieder sehr entspannt. Diesmal waren wir nur fünf Passagiere. Da gerade die schwedischen Weihnachtsferien zu Ende gingen, war der erste Bus schon voll, und es musste noch ein zweiter eingesetzt werden. Ergo: Man muss nicht immer Erster sein, um es besser zu haben. Diesmal wurden wir, die zum Schluss kamen, viel gemütlicher nach Hause befördert. Und weil es bereits auf der Hinfahrt solchen Spaß gemacht hatte, habe ich mich wieder vorn zum Fahrer gesetzt, um zu reden und Geschichten anzuhören. Er ist schon Rentner und springt nur hin und wieder ein, wenn Not am Mann ist. “Übrigens, wenn du einen Job suchst. In ganz Westschweden fehlen ungefähr 2000 Busfahrer. Wäre das nicht was? Ansonsten, wenn ich nochmal die Wahl hätte, ich würde Klempner werden. Die werden immer gebraucht, weil aufs Klo gehen, das muss schließlich jeder.” Er war wirklich putzig, dieser ältere Herr. “Aber deine kleine Freundin”, meinte er noch, “die sah sehr traurig aus, als ihr euch heute verabschiedet habt. Ach ja, die Liebe… Sie kann so süß sein. Aber manchmal auch grausam…” Da war ich verblüfft.

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Es brennt. Draußen der Himmel. Und in mir der Abschied…

Bei der Ankunft in Svenshögen bin ich auf dem Weg vom Bahnhof gleich zum Haus von Gert und Akasha abgebogen, denn dort wurde ordentlich Geburtstag gefeiert. Als ich – der Überraschungsgast – dann plötzlich mit dem großem Rucksack und den Skiern hereinschneite, gab es ein großes Hallo und etliche “Endlich bist du wieder da!”, und ich musste viel erzählen: Von meiner Gastfamilie in den Alpen, dem Käse und dem Brot, und von Weihnachten in Deutschland. Da war ich gerührt.

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Das Geburtstagskind sitzt in der Mitte.

Auf der Feier waren außer den Leuten aus der Umgebung, die ich schon kannte, auch zwei neue Gesichter: eine Englisch-Lehrerin aus Siena und ein Junge aus Gaza. Sie hatten sich irgendwie über Facebook kennengelernt – und es geht etwas sehr Schönes von ihnen aus. Beide sprühen vor Energie und Ideen und sind in unterschiedlichen Zusammenhängen sehr engagiert. Vittoria ist in verschiedenen Hilfsorganisationen tätig und gibt nach der Arbeit noch unentgeltlichen Englisch-Unterricht für Leute mit wenig Geld. Wir haben lange geredet und uns zum Abschied herzlich umarmt. Und Ahmad aus Gaza ist einer von diesen Akrobaten, die in der Stadt an keinem Hindernis vorbeikommen, ohne einen Salto darüber zu machen. Diese Fortbewegungsart heißt Parkour – und Ahmad hat damit in Gaza angefangen, um anderen Jugendlichen Mut zu machen. Jetzt reist er mit Vittoria zusammen durch Europa, um auf die Probleme im Gaza-Streifen aufmerksam zu machen. Da war ich sehr beeindruckt.

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Gleich am Montag kamen Vittoria und Ahmad zu uns ins Café.

In meinem WWOOFer-Haus war ich die ersten drei Tage der Woche erstmal nicht allein, sondern Åke hatte zum Jahreswechsel ziemlich kurzfristig noch eine Frau aus St. Petersburg zum Freiwilligendienst angeheuert. Svetlana ist um die vierzig und in ihrem normalen Leben ebenfalls Englisch-Lehrerin. Sie hat ungeheuer viel geredet, aber auch viel gefragt, ständig meine englische Aussprache verbessert, aber auch mehrmals gutes Essen gekocht, unter anderem leckere Kascha, und eines Abends plötzlich mit mir Memory gespielt, weil ich die Vogelnamen auf Russisch und Englisch lernen sollte. Zum Schluss haben wir uns gegenseitig noch typische Wintersachen aus unserer jeweiligen Heimat geschenkt. Sie hat mir ein paar dicke Filzstiefel für drinnen dagelassen, und ich habe ihr meine Lovikka-Handschuhe mitgegeben. Das war wie früher beim Schüleraustausch! Da war ich erfreut.

Ansonsten habe ich viel gearbeitet, ja, alles, was jetzt so anliegt: Schnee geschnippt, Feuer gemacht, Brot gebacken, Verwelktes und Verblühtes aus Rabatten und Hochbeeten entfernt sowie Paprika, Chili, Auberginen, Artischocken, Lavendel, Salbei und  verschiedene Zierblumen in Anzuchtschalen gesät, die zuerst in Åkes Büro keimen durften, aber inzwischen schon im rot-blauen Frankenstein-Keller stehen. Und bei all dieser Arbeit habe ich mich sehr zu Hause und richtig gut geerdet gefühlt. Ach, wie schön! Dass am Mittwoch mein “neues Leben” schon seinen ersten Geburtstag gefeiert hat, habe ich dabei gar nicht bedacht. Erst jetzt, wo ich es aufschreibe, kam es mir in den Sinn. Da war ich nachdenklich.

Gestern nach der Arbeit war ich kurz in Göteborg, um noch ein bisschen Küchenkram für meine Bäckerei hier zu kaufen. Außerdem hatte ich noch einen Koffer dort, der nicht mit in die Skiferien gefahren war. Ja, genau der, welchen ich bei der Grenzkontrolle nicht zu öffnen brauchte, hihi. So jetzt ist also alles hier an Ort und Stelle. Und es fühlt sich wirklich gut an. Auf der Rückfahrt aus der großen Stadt hatte es nochmal angefangen zu schneien. Dicke Flocken – und schwups, war wieder alles weiß. Unter der Woche hatte der Schnee nämlich schon mal das Weite gesucht.

Und so war ich dann nach meinem City-Trip etwas später in der Sauna als gewöhnlich. Nur noch wenige Leute waren da, aber das war auch sehr nett. Ich konnte mich ganz ausstrecken und total die Seele baumeln lassen. Habe amüsiert den Gesprächen der anderen zugehört und wäre fast eingeschlafen… Diese Sauna direkt am Wasser mit dem großen Fenster zum See und den kleinen Kerzen ein bisschen überall ist echt magisch! Und wenn draußen dann auch noch der Schneesturm tobt, ist es drinnen unglaublich gemütlich. Schließlich hüpft man wie eine dampfende Pellkartoffel hinaus in die Kälte – und hinein ins eiskalte Wasser. Nichts, aber auch gar nichts ist dann auf der Welt noch wichtig.

Zusammen mit Paula, die an diesem Tag für die Sauna und den Holzofen verantwortlich war, habe ich dann zum Schluss noch schön rumgebummelt, und als wir dann schließlich ins Freie kamen, hatte es aufgehört zu schneien – und der Vollmond guckte aus den Wolken. Da konnte man ganz ohne Taschenlampe durch den Wald gehen, so hell war es, und ich musste an das Buch von dieser Frau denken, die mal in der Arktis überwintert hatte und bei Vollmond in der Polarnacht beinahe verrückt wurde. Das konnte ich mir plötzlich richtig gut vorstellen, denn ich habe für den Rückweg von der Sauna nach Hause mehr als eine Stunde gebraucht. Normalerweise ist es ein Fußweg von fünf Minuten. Da war ich verzaubert.

Warum ich diesen Eintrag “Buchweizen-Woche” genannt habe? Heute gab es in unserem Café nämlich noch eine Premiere: Wir haben frisch gebackene Waffeln serviert – nach meiner Idee und mit meinem Waffeleisen. Ein Rezept für glutenfreie Waffeln hatte ich im Internet gefunden – und dazu Schlagsahne und frische (aufgetaute) Waldbeeren gereicht. Es ist bei den Leuten richtig gut angekommen und so wollen wir das nun jeden Samstag machen. Und vielleicht auch freitags nach der Arbeit. Da war ich froh – und ein bisschen stolz.

Der Kuss der Schneekönigin

So. Nun weiß ich auch, wie sich eine TK-Pizza fühlen muss. Gestern war ich drei Stunden bei -18 Grad mit den Skiern im Wald und auf der Heide. Aber nur im Warmen sitzen ging auch nicht, weil es abgesehen von der Kälte ein so prächtiges Winterwetter war. Solange man draußen in Bewegung blieb, ging auch alles gut. Nur anhalten und stillstehen durfte man nicht. Dann war es, als würde man von der Schneekönigin geküsst.

 

Es war einmal ein Waldschrat…

Irgendwann zu einem Schulfasching bin ich mal als Waldschrat gegangen, mit einer Tannenzapfennase und Wurzelhänden. Viel, viel später habe ich dann erst von Tolkiens Ents gelesen und gedacht: Wenn ich jetzt zum Fasching als Ent gehen würde, dann würden es die meisten wohl wiedererkennen. Damals in der Schule hat keiner so richtig verstanden, wie man zum Fasching als Waldschrat gehen kann…

Nun, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich mit der Natur auch Tuchfühlung lebe, wo der Wald gleich um die Ecke ist, ein Wald, der ein richtiger Wald ist und kein Stadtwald, da fühle ich mich gleichzeitig ganz jung, so wie das Kind, das einmal ein Waldschrat sein wollte, aber auch irgendwie ein bisschen alt, so alt wie die Weisheit der Bäume. Selbst tief im Wald habe ich keine Angst, und ich weiß, dass ich mich niemals verlaufen werde. Und wenn ganz in der Nähe plötzlich ein Rehbock bellt, dann ist das nichts Fremdes, Unheimliches, sondern einfach nur die Stimme eines anderen Waldwesens. Jemand, der mir viel näher ist als die Leute, die in der großen Stadt einfach so an mir vorbeigehen.

20160724-DSC_0583Der Wald hat viel zu erzählen, wenn man ihn lesen und wenn man gut zuhören kann. Gestern war ich mit dem Radel am Meer in der Heidekrautbucht, und auf dem Rückweg hat mir das Wollgras im Wald zugeflüstert, dass ich es gerne besuchen kommen kann, auch ohne Gummistiefel, denn es hat schon eine Weile nicht mehr geregnet. Zu Hause beim Wollgras war noch jemand anderes, jemand, den ich eigentlich nur aus kälteren Gegenden kenne: die Multebeere. Bei der Vorstellung, dass ich jetzt in einer Gegend wohne, wo ich vormittags im Meer schwimmen und nachmittags auf dem Hochmoor im Wald Multebeeren pflücken kann, wurde dem Waldschrat in mir ganz warm uns Herz.

Wenn es Åke, die Arbeit und die anderen WWOOFer nicht gäbe, würde ich wahrscheinlich komplett verwaldschraten. Aber zum Glück gibt es ja die Arbeit und die anderen WWOOFer. Das Wasser im See ist nun so warm, dass wir gemeinsam lange Schwimmturen machen können. Man kann zum Beispiel zu einem Felsen schwimmen, den man zu Fuß nicht oder nur sehr schwer erreicht. Dort lässt man sich in der Sonne trocknen, so wie Gott einen geschaffen hat, und schwimmt dann wieder zurück. Hinterher ist man schrecklich hungrig, und weil es so schön schnell geht, machen wir Knäckebrotpizza mit frischem Oregano und Thymian direkt aus dem Garten. Dann sitzen wir den ganzen Abend draußen und reden über alles mögliche, und es ist furchtbar gemütlich, auch ohne einen einzigen Tropfen Alkohol.

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Mitten im Wald, mitten im Bach, auf einer unbewohnten Insel

Die Weisheit der Stöcke und Wurzeln

Es ist offensichtlich ein guter Ort, an dem ich jetzt gelandet bin. Neben richtig gesundem Essen, sehr netter Gesellschaft und einer sinnvollen Beschäftigung gibt es hier sogar auch noch Kultur nur 50 m von unserem Hof entfernt, gleich nebenan auf Solhälla.

Heute Abend war ein ganz besonderes Künstlerpaar eingeladen. Maria findet im Wald Stöcke und Wurzeln, die ihr Geschichten erzählen, und Johannes, ihr Mann, macht aus ihren Texten dann Lieder. Die Stockfiguren hatte sie alle mitgebracht, und wir haben so nach und nach deren Geschichten erfahren. Sehr schöne Geschichten waren das. Denn die Weisheit der Stöcke und Wurzeln ist schließlich die Weisheit des Waldes.

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http://vildhjärta.se/galleri

 

Zwei Tage mit schönem Pulverschnee

Der Winter hat mal kurz in Berlin vorbeigeschaut während der letzten Tage. Inzwischen sind jedoch die Plusgrade wieder zurückgekehrt und alles zeigt sich bereits von der matschigen Seite.

Einige Schnappschüsse von meiner Winterwanderung am Mittwoch wollte ich hier aber noch einkleben, bevor ich mich wieder auf den Weg in den Norden mache…