Draußen zu Hause

Nach einer kurzen Abkühlung Mitte Mai wurde es dann doch wieder wärmer, und trocken ist es immer noch. Die kleinen Waldbäche haben gar kein Wasser mehr. Das kommt nur ganz selten vor hier an der ansonsten eher feuchten Westküste. Einmal habe ich es aber schon erlebt, und das war Anfang Juni 2008, als wir auf Göteborgs Amazonas mit einem der flachen Ausflugsboote wegen des niedrigen Wasserstandes nicht besonders weit kamen.

Nun findet wirklich alles draußen statt. Die Arbeit, die Mahlzeiten, die Freizeiten. Und wenn wir während der Arbeit kurz vor einem Hitzekoller stehen, hopsen wir einfach in den See. Das sind Arbeitsbedingungen, wa? Vor ein paar Tagen habe ich mich sogar aufgerafft, mal wieder im Freien zu übernachten. Das hatte ich immer noch vor mir hergeschoben, weil ich es fast fünf Jahre lang nicht mehr gemacht habe, jedenfalls nicht alleine, zu zweit natürlich ganz oft.

Aber nun sind die Nächte so kurz, dass es gar nicht mehr richtig dunkel wird. Und gegen die Mücken kann man ein Feuer machen. Ich habe allerdings nicht in unserem Zelt geschlafen, sondern in meinem kleinen Windschutz. Genau wie vor unserer gemeinsamen Zeit. Ja, es ist ein bisschen wie nochmal laufen lernen. Ich stolpere immer noch ziemlich herum, falle aber nur noch selten richtig lang hin.

In memoriam Bastevik by night

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Valborgsmässoafton

Heute ist Walpurgisnacht. Außerdem hat der König Geburtstag. Er wird siebzig, und Herr Möwe sagt, dass es eigentlich nun Zeit wäre, sich zur Ruhe zu setzen und die königlichen Geschäfte der Kronprinzessin zu überlassen. Aber das geht nicht. Schön blöd. Wenn er noch zwanzig Jahre macht, gut gepflegt wie er ist, dann ist die Kronprinzessin fast sechzig, wenn sie die richtige Krone zum ersten Mal aufsetzen darf. So war das aber nicht in meinen Märchenbüchern! Und die Schweden, die alle ihre Königsfamilie behalten wollen, die wollen doch eigentlich nur das Märchenhafte behalten…

Ich war am Vormittag am See wandern. Habe mir viel Zeit gelassen, denn wer nicht hastet draußen in der Natur, der wird eigentlich immer irgendwie belohnt. Meine Belohnung heute hieß Gavia arctica. Die sind normalerweise ziemlich scheu und tauchen immer sofort weg, wenn man ihnen auch nur ein bisschen näherkommen will. Aber heute war einer in Ufernähe, und der ist nur ein kleines Stückchen weggetaucht, als er mich entdeckt hat. Dann ist er gemütlich auf den Wellen geschaukelt, gar nicht so weit von mir. In solchen Momenten denke ich immer: Jetzt hat ganz sicher mein Waldengel seine Hand im Spiel. Irgendwie…

Der Waldengel hat sie geliebt, die Prachttaucher, und er konnte lange mit seiner Kamera an einem See auf der Lauer liegen, um sie so detailliert wie möglich abzulichten. Denn sie haben so ein prächtiges Gefieder! Einmal hatten wir großes Glück, und diesen besonderen Morgen damals Ende August, den werde ich nie vergessen…

Am Abend heute hat es ein bisschen geregnet, aber das große Feuer ist trotzdem angegangen. Und es wurde noch ein richtig schöner Abend, denn sie waren alle da: die Hippies vom Karfreitag und die Sängerin aus der Domkirche, unser holländischer Haushandwerker, die Yoga-Mädels, die Sauna-Kumpels und die Frau, die immer Brot backt. Und also gab es viele Umarmungen, und es gab viele Lieder, schwedische und englische. Außerdem habe ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Frauen in Gummistiefeln Tango tanzen sehen.

 

Holz und Feuer

Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder Rivers and Tides gesehen, diesen Film über Andy Goldsworthy. Obwohl ich den Film schon viele Male angeschaut habe, sehe ich ihn immer wieder ein bisschen anders, mit neuen Augen, einem veränderten Fokus. Irgendwann sagt Andy Goldsworthy in diesem Film: “Wenn ich ein Material verstehen will, einen Stein oder eine Pflanze, muss ich damit arbeiten. Und damit ich mein Werk verstehen kann, muss die Natur oder die Zeit etwas damit machen, es verändern, bewegen oder sogar zerstören…”

Daran musste ich die letzten Tage oft denken, als wir damit beschäftigt waren, von verschiedenen gefällten Bäumen die Äste zu zersägen und die Zweige zu verbrennen. (Die Bäume wurden gefällt, damit die Weinpflanzen im Sommer nicht im Schatten stehen.) Ich weiß schon eine ganze Menge über Bäume, habe ziemlich genau vor einem Jahr sogar mal ein Dutzend Leute durch die Gegend geführt und ihnen erklärt, wie man die Bäume im Winter ohne Blätter erkennt. Und also wusste ich nun sehr wohl, von welchen Bäumen ich da in den letzten Tagen die Äste zersägt und die Zweige verbrannt habe.

Aber diese Arbeit hat mir trotzdem nochmal neue und interessante Erfahrungen vermittelt. Erlenholz zum Beispiel bekommt erst diese tolle rot-orange Farbe, wenn es mit Luft in Berührung kommt. Direkt nach dem Zersägen ist es nämlich noch gar nicht so rot-orange, sondern unscheinbar blass. Das wusste ich vorher noch nicht. Und die Zweige von Erlen und Eschen lassen sich ziemlich leicht zerbrechen, während man sich bei denen der Weiden, Espen und Kirschbäume ganz schön anstrengen muss. Dass Weidenzweige elastisch sind, wusste ich schon, aber dass Espenzweige es auch sind und wie hart Kirschzweige sind, das habe ich nun erst erfahren. Am eigenen Leibe sozusagen. Auch riechen die verschiedenen Hölzer unterschiedlich, wenn sie verbrannt werden.

Aber insgesamt war die Erle mein Favorit, mit ihrem farbenfrohen Holz und den lustigen lila Knospen. Von dem gefällten Baum habe ich mir deshalb ein paar Zweige aufgehoben. Wenn ich Glück habe, kriegen sie Wurzeln. Und dann pflanze ich als Ausgleich irgendwo anders ein paar neue Erlen.

Richtig gemütlich wird es am Feuer natürlich erst, wenn es abends dunkel wird…

A Song of Ice and Fire

Fire and Ice

Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.

Robert Frost (1920)

Am letzten Tag des alten Jahres und in den ersten Stunden des neuen Jahres habe ich mich mit den Urkräften von Eis und Feuer noch einmal ordentlich geerdet. Und was mir das neue Jahr auch bringen mag, die Mystik der Elemente und die Kräfte der Natur sind unvergänglich. Bei ihnen kann ich immer wieder auftanken.