Nachschlag aus dem Tiroler Gailtal

Ich muss noch ein bisschen was nachliefern zu meinen frisch gebackenen alpinen Erfahrungen. Also zuerst das mit der Sprache. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich mich in Tirol und seinen hohen Tälern aufgehalten habe, aber diesmal war der lokale Dialekt so schwer zu verstehen, dass ich so gut wie gar nix mitbekommen habe, wenn die Einheimischen miteinander gesprochen haben.

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Für die Küche hatte ich zum Glück eine kleine Wortliste hinten im gängigen Lokalkochbuch. “Keschtn” haben wir regelmäßig im Ofen gemacht, aber es hat trotzdem ein bisschen gedauert, bis ich geschnallt habe, dass dies nicht die schwedische Aussprache meines Vornamens ist, sondern die lokale Bezeichnung für Esskastanien.

Zwei wichtige lokale Ereignisse habe ich auch ziemlich hautnah miterleben dürfen. Einmal ist jemand in der Nachbarschaft gestorben, und ich war erstaunt, was in einem katholischen Dorf dann alles so abläuft. Die Mitglieder meiner Gastfamilie sind mehrmals dorthin zum Beten gegangen. Und dann hat das halbe Dorf am Trauerzug teilgenommen, die Mitglieder der örtlichen Vereine hatten alle Trachten an und die Blasmusiker haben die passende Blasmusik dazu gespielt. Als ich später mit dem Hund draußen war, habe ich die Trauerrede des Pfarrers durch das ganze Tal gehört, denn alles wurde mit Lautsprechern aus der Kirche auch nach draußen übertragen. Sehr merkwürdig…

Dann war an einem Samstag Ende November im Gemeindehaus der traditionelle Adventsmarkt, und dorthin bin ich auch mitgegangen. Zuerst haben der Bürgermeister und der Pfarrer geredet, man betete zusammen und zwischendurch hat ein Junge immer wieder traditionelle Melodien auf der Ziehharmonika zum Besten gegeben. Das Musizieren spielt in vielen Familien offensichtlich eine wichtige Rolle und viele Kinder lernen ein Instrument.

Nach dem offiziellen Teil konnte man dann verschiedene Adventskränze erstehen, die vorher von den örtlichen Frauen gebunden worden waren mit den Zweigen, die die örtlichen Männer aus dem Wald geholt hatten. Als alle ihren Kranz gefunden hatten, wurden die Tische gedeckt und man konnte Kaffen und Kuchen kaufen. Beim Anblick des riesigen Kuchen- und Tortenbuffets sind mir echt die Augen übergegangen. Schließlich konnte ich mich für ein Stück Mohntorte entscheiden und habe mir noch ein Stück Nusstorte für meine Bergwanderung am nächsten Tag einpacken lassen. Wir selbst hatten am Vormittag eine Menge Osttiroler Breatl gebacken, die dort auch zum Verkauf angeboten wurden.

Etwas, das dort in der Gegend eine große Rolle spielt, ist der Nikolaus und die mit ihm zusammen umherziehenden Krampusse. Life habe ich während meines Aufenthaltes dort keine erlebt, aber viel davon gehört. Von den wertvollen Holzmasken, den Schlägereien und allen möglichen Geschichten im Zusammenhang damit. Weil es in Schweden überhaupt keinen Nikolaus gibt, war ich überrascht, welcher Kult sich in den Alpenländern darum abspielt. Bei mir selbst war übrigens nur der liebe Nikolaus ohne die bösen Krampusse – mit vielen leckeren Sachen aus der Region.

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Und ganz zum Schluss will ich alle, die gern wandern noch auf zwei wunderbare Höhenwege aufmerksam machen:
Den Gailtaler Höhenweg und den Karnischer Höhenweg.

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Fünf Wochen im Ballon

Nun sitze ich im ICE auf dem Weg nach Berlin – und blicke zurück auf diese fünf Wochen, die sich nun im Nachhinein doch wie Ballonfahren anfühlen. Auf 1500 m Höhe ist man ganz einfach dem Himmel ein gutes Stück näher, und wenn die Besatzung im Korb dann auch noch so prima zusammenarbeitet und man sich so gut versteht, ist das Reiseabenteuer perfekt und man wächst wieder ein bisschen über sich selbst hinaus.

Gibt es denn eine bessere Art und Weise, eine Gegend und ihre Bewohner kennenzulernen, als etliche Wochen mit ihnen zusammen zu wohnen und zu arbeiten, ja, ganz einfach ihr ganz normales Leben zu teilen? Ich bin wirklich sehr dankbar, dass es Familien gibt, die ihre Türen so weit aufmachen! Bei allen Mahlzeiten täglich “fremde Leute” am Tisch zu haben, sie immer wieder in die Arbeit einzuweisen, ihre Macken und Launen zu ertragen, wenn man selbst vielleicht gerade gar nicht so gut drauf oder nicht ausgeschlafen ist. Ich weiß nicht, ob ich es selbst könnte, wenn ich einen Hof hätte…

Also ein dickes, fettes und HERZliches DANKESCHÖN an meine Kartitscher Familie, an alle drei Generationen, die ich in diesen fünf Wochen wirklich liebgewonnen habe! Ich habe unglaublich viel dazugelernt und das Wichtigste von allem war, dass ich das Einfache noch mehr schätzen gelernt habe. Das selbst gebackene Brot, frische Milch und Butter, eigenen Käse und natürlichen Joghurt. Eier frisch aus dem Nest, gut gewürzten Speck und leckeres Schmalz. Einen herrlichen Apfel, aber auch Honig, Marmelade oder Saft. Und dann dieser Tee aus Bergkräutern!

Auch wenn mein Raw-Food-Papst in Svenshögen nun vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, so ist es mir mit dieser herkömmlichen Kost insgesamt doch besser gegangen als mit allzu viel rohem Gemüse. Und wenn es einem schmeckt und man beim Essen kein schlechtes Gewissen hat, wenn man weiß, wie alles ohne Gift gewachsen ist und man es selbst geerntet und verarbeitet hat – warum soll es einen dann krank machen?

Ja, fünf Wochen im Ballon – und dennoch total erdnah, das muss man erstmal hinkriegen! 😉

Wochenendkarten

Als meine Kinder im Kindergarten- und jüngeren Schulalter waren, da haben wir jedes Wochenende zusammen etwas unternommen. Manchmal nur an einem der beiden Tage, manchmal auch am Samstag und am Sonntag. Und wenn es möglich war, haben wir von diesen Ausflügen eine Postkarte mitgenommen: aus einem Museum, einer Freizeiteinrichtung, von einem anderen Ort… Die Kinder haben diese Wochenendkarten fleißig in einem extra Album gesammelt – und wir haben dieses Album hin und wieder zusammen durchgeblättert. Das war also fast so wie Blog schreiben, nur mit Postkarten. 😉

Ich habe von diesem Wochenende mal wieder allerhand Karten eingesammelt – die Digicam macht’s schließlich so einfach möglich. Gestern war ich im Nachbarort Obertilliach, denn dort gibt es ein Langlauf- und Biathlonzentrum. In Schweden sagt man übrigens nicht Biathlon, sondern Skidskytte, was soviel wie Skischütze heißt und eigentlich ein bisschen albern klingt. Als ehemaliger DDR-Bürger war man ja besonders an Skispringen und Biathlon interessiert – ganz einfach, weil unsere Sportler da so gut waren. Wie es heute ist, weiß ich gar nicht, bin einfach nicht mehr auf dem Laufenden. Und so wusste ich gestern auch gar nicht, wem ich die Daumen drücken sollte.

Wie es gerade in Schweden ist, weiß ich auch nicht. Aber ich habe letztes Jahr immerhin ein ziemlich spezielles Buch über einen Biathlonsportler gelesen – geschrieben von genau demselben Biathlonsportler. Das hat mir so gut gefallen, dass ich es am liebsten ins Deutsche übersetzen würde, damit es auch alle ehemaligen DDR-Bürger lesen können.

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Den Wettkämpfen habe ich gestern auch deshalb nicht so lange zugesehen, weil die Strecken alle im Schatten lagen. Und da friert man ziemlich schnell. Also ab in die Sonne – und dann den Rest des Tages einfach die Seele baumeln lassen! Zuerst auf der Sonnenterrasse eines Hotels und dann auf den Wiesen über dem Dort. Zeit zum Lesen war auch genügend. Ach, war das schön!

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Heute haben wir dann mal einen Ausflug zusammen gemacht, der Schreiner und icke. Ein Stück über die Grenze und rein nach Südtirol sind wir gefahren, denn unsere Bauerneltern hatten uns einen See mit einem ziemlich verheißungsvollen Namen empfohlen. Aber dieses Ausflugsziel war dann so ganz und gar nicht nach unserem Geschmack, denn irgendwie hatte sich dort halb Italien versammelt. Der See war außerdem zugefroren, so dass man seine schöne Farbe gar nicht sehen konnte, und die Leute sind darauf herumgelaufen – allerdings alle ohne Schlittschuhe! Es war sehr merkwürdig, und wir haben uns gefragt, warum die eigentlich dorthin gefahren sind.

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Wir haben dann kurzerhand die andere Seite des Hochpustertals besucht und sind in einen winzigen Ort mit dem Namen Ratsberg hinauf gefahren. Dort haben wir die Ratsbergwiesen bestiegen, wo man einen atemberaubenden Ausblick auf die Dolomiten hat. Hinterher gab’s dann noch Hirsch-Gazpacho und Apfelstrudel mit Sahne in der örtlichen Gaststube. Herz, was willst du mehr?

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Auf den Ratsbergwiesen – alle Bilder

Auf der Sonnenseite

Seit zwei Wochen ist die Bäuerin also wieder da, und seitdem geht wirklich alles wie geschmiert. Vormittags arbeiten wir in der Regel zusammen in der Küche, backen Brot oder Kuchen und verarbeiten die Milch zu allem, was man sich so denken kann. (Am allerbesten ist Sahnejoghurt!) Auch das Mittagessen kochen wir meistens zusammen, es sei denn, die Bäuerin wird woanders gebraucht. Zwei Schweine und einen Ochsen haben wir in den letzten Tagen zu Fleisch und Wurst verwandelt. Das war eine ganze Menge Arbeit, aber ich hatte zum Glück nur recht wenig damit zu tun.

Hier ein paar “Kostproben” meines Schaffens als frischgebackenes Küchenwunder:

Zwischen eins und drei bin ich immer mit dem Hund unterwegs, denn danach verschwindet die Sonne schon wieder hinter den Bergen. Ach ja, die Sonne… Also, über das Wetter kann ich mich ja wirklich nicht ein bisschen beklagen! So viele Sonnenstunden habe ich noch nie im November und Dezember genossen, ja, vielleicht mal abgesehen von Gran Canaria. Aber das ist ja auch nicht Europa… Wenn kein Wind weht, kann man sogar in der Mittagsstunde nur im Pullover in der Sonne sitzen – und das, obwohl im Schatten der Raureif glitzert und die Eiszapfen weiter wachsen.

An diese Spaziergänge mit diesem Hund in dieser herrlichen Landschaft bei diesem Traumwetter habe ich mich nun schon so gewöhnt, dass sie mir wirklich fehlen werden, wenn ich dann nächsten Mittwoch hier wieder abreise. Lustig war auch der Besuch auf einem Slalomhang, wo nun immer bei Minusgraden die Schneekanonen fleißig arbeiten, denn kurz vor Weihnachten wird hier überall die Skisaison eröffnet.

Zwei schöne Wanderungen habe ich in den letzten beiden Wochen auch noch unternommen. Einmal war ich auf dem Dorfberg, einem ganz freundlichen Aussichtsberg hier auf der Sonnenseite, fast ganz ohne Schnee und ganz ohne Rutschpartie. Und dann waren wir am Sonntag nach dem Mittagessen alle zusammen oben auf einer Bergwiese, wo die Familie noch Land und eine Hütte hat. Dort “in den Stucken” war es ganz einfach traumhaft – und irgendwann muss ich wirklich im Sommer wiederkommen, um dort auf der Alm eine Weile zu wohnen und das herrliche Gras zu mähen…

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Kleine Eiszeit in den Stucken – alle Bilder

Auf der Gatterspitze

Heute habe ich 1000 Höhenmeter in den Beinen. Also 1000 rauf und dann auch wieder runter. Denn heute früh hat der Berg ganz laut gerufen! Dieser Berg, der mich schon am ersten Tag so angelacht hatte. Aber es lag ja anfangs viel zu viel Schnee drauf! Eine Frau hatte ich getroffen, die gesagt hat, ich müsse im Sommer wiederkommen, dann wäre es eine schöne Tageswanderung. Aber so lange wollte ich irgendwie nicht warten. Dann ist der Schnee mehr und mehr geschmolzen, aber dort oben natürlich nicht ganz. An vielen Stellen war es ein halber Meter, und hätte ich heute diesen wunderbaren Hund nicht mit dabei gehabt, dann hätte ich es sicher nicht bis ganz nach oben geschafft. Oder ich wäre beim Absteigen irgendwo runtergesaust. Ein paarmal bin ich sowieso schon runtergesaust, auf dem Allerwertesten nämlich, aber es war nur ein einziges Mal, wo ich dabei die Stöcke verloren habe – und gedacht hatte: oh oh, nun kann ich nicht mehr anhalten. Aber schließlich konnte ich doch anhalten, wahrscheinlich hat mein Schutzengel wieder mal Überstunden gemacht – vielleicht, weil ich bei unserem Bauern auch andauernd Überstunden mache. Nach dem Gipfelsturm bin ich nämlich sofort in den Stall gestürmt und habe noch mehr als ein halbes Dutzend Schubkarren voller Mist auf den Misthaufen gefahren. Was für ein Sonntag!

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Mit dem vierbeinigen Bergführer auf der Gatterspitze (2430 m) – alle Bilder

Ich erforsche unterschiedliche Biotope

Als ich vor gut zwei Jahren zusammen mit dem Waldengel und etlichen anderen Wissbegierigen in einem Fernkurs die Geologie und die Ökologie der Alpen erforscht habe, da hat uns der Botanik-Lehrer immer wieder darauf hingewiesen, wie sehr sich die Biotope auf den Nord- und Südhängen der Berge unterscheiden können. Da die zu diesem Kurs gehörende Feldexpedition damals im August stattgefunden hatte, wurde mir dieser Unterschied trotzdem nicht so richtig deutlich. Wenn es warm war, war es überall warm. Und wenn es geschneit hatte, hat es überall geschneit.

Jetzt aber! Hier nämlich! Also wirklich! Bei uns auf der Sonnenseite des Tals ist der Schnee inzwischen komplett wieder weg, und wenn die Sonne richtig scheint, kann man mittags im Pulli draußen sitzen. Will ich dagegen mit dem Hund im Schnee spielen, dann brauche ich nur in den Wald zu gehen, der auf der anderen Seite des Tals steht, auf den Hängen, die nach Norden zeigen. Hier bei uns ist jetzt sozusagen wieder goldener Herbst, während auf der Schattenseite schon richtiger Winter ist.

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Dieser Schatteneffekt kann sich aber offensichtlich auch auf das Gemüt der dort lebenden Menschen auswirken. Das habe ich nicht erforscht, sondern es ist mir passiert. Weil unsere Spaziergegend also plötzlich wieder schneefrei war, bin ich mit dem Hund eines späten Nachmittags über eine dieser Bergwiesen getollt. Es ist ein herrliches Gefühl, über so eine steile Wiese zu rennen, mit der wundervollen Aussicht im Nacken, den Wiesenpflanzen und Kuhfladen zu meinen Füßen und dem von Lärchen bunt gescheckten Wald vor Augen. Wir waren also ausgelassen und fröhlich, der Hund und ich, bis ich dort am Waldrand einen Mann hab sitzen sehn. Oh, was ist denn das für einer, habe ich gedacht. Entweder ein richtiger Naturliebhaber so wie ich… oder ein Perverser. Sonst hockt man doch nicht zu dieser Stunde am Waldrand herum, also so direkt auf der Erde und nicht auf einer der vielen Bänke, die hier überall in der Gegend herumstehen.

Da habe ich sicherheitshalber den Hund gerufen und bin wieder umgekehrt. Aber dann war dieser Mann plötzlich direkt hinter mir. Keine Ahnung, wie er so schnell dahin gekommen war. Er hatte ein Gewehr über der Schulter und sah sehr unfreundlich aus. Ach, du Scheiße! Ein Jäger! Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was der sich aufgeregt hat und wie der über uns hergezogen ist. Einfach so den Wanderweg verlassen mit einem nicht angeleinten Hund und dann auch noch in der Dämmerung! Ob wir nicht die Rehe gesehen hätten, die gerade aus dem Wald getreten wären! Die hatte der Hund natürlich verscheucht! Also, wenn das hier sein Grund und Boden gewesen wäre, dann hätte er jetzt mit dem Handy ein Foto von mir gemacht und dann hätten wir uns woanders wiedergesprochen! Im Namen der Republik! Aber da er den Hund ja kenne, wüsste er ja, wo ich hingehöre. Also mit meinem Bauern müsse er mal ein ernstes Wörtchen reden…

Na, da ist mir ja echt die Spucke weggeblieben. Bin ich von Schweden und seinem Allemansrätten so sehr verwöhnt, dass ich hier erstmal die Gebrauchsanweisung für die Natur lesen muss? Und haben die hier vielleicht alle so einen Knall? Kein Wunder, dass das Tal von Touristen nicht gerade überschwemmt ist…

Ziemlich geschockt und etwas betrübt bin ich dann zu unserem Hof zurückgeschlendert und habe meinem Bauern alles gleich brühwarm erzählt. Der hat ziemlich schnell herausgefunden, um wen es sich handelt. “Ach ja, der wohnt dort drüben auf der Schattenseite. Der meckert immer, mit allen und an allem herum. Mach dir nichts draus!” Nein, ich habe mir dann wirklich nichts mehr daraus gemacht, aber dennoch ist mir ein klitzekleines bisschen meiner 100%igen Unbekümmertheit abhanden gekommen, diese Unbekümmertheit, mit der ich immer allein in der Natur herumspaziere.

Um dieses doofe Erlebnis wieder zu kompensieren, bin ich dann gestern selbst schön lange auf der Schattenseite wandern gewesen. Und eigentlich wollte ich noch höher hinaus, also ganz hoch hinaus, aber dafür sind die Tage jetzt einfach zu kurz, jedenfalls wenn man erst nach dem Mittagessen losgehen kann. Aber nächstes Wochenende, wenn die Bäuerin wieder da ist, und dann mache ich endlich mal eine Ganztagswanderung!

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Auf die Berge will ich steigen… (alle Bilder)

Woche der Wunder

Als ich noch meinen ganz normalen Job hatte, da schien die Zeit immer schneller zu vergehen, je älter man wurde. Die Tage gingen, die Wochen flogen… Nun bin ich erst eine gute Woche hier auf dem Hof in den Alpen – und es kommt mir doch viel länger vor. Das ist der Gummi-Effekt für die Zeit, wenn man irgendwo ganz neu ist und alles drumherum auch ganz neu für einen ist. Da ist jeder Tag erheblich länger als normal.

Und man ist viel mit Lernen und auch mit Staunen und Wundern beschäftigt – vor allem, wenn ständig irgendwelche Wunder passieren. Die erste Überraschung war, dass ich hier eine eigene kleine Wohnung ganz für mich habe. Es ist also eine Ferienwohnung in dem großen Haus, wo auch alle anderen wohnen. Im ganzen Haus und auch in meiner Wohnung ist sehr viel Holz, was ich total mag. Es riecht gut und es lebt. Nachts macht es manchmal Geräusche.

Die zweite Überraschung war der zweite WWOOFer, der hier schon seit August zugange ist und dann auch das nächste Jahre hier verbringen will, ja, ungefähr so wie ich bei Åke in Svenshögen. Er hat auch alle seine Sachen hier und bewohnt die andere Ferienwohnung gleich nebenan. Von Beruf ist er Tischler, aber ein besonderer, denn als er noch eine eigene Werkstatt und eigene Lehrlinge hatte, da haben sie nur massives Holz verarbeitet und es nur mit biologischen Mitteln oberflächenbehandelt. Von vielen der Möbel haben sie Fotos gemacht und die habe ich mir vor ein paar Tagen alle angesehen. Oh, wirklich sehr schöne Möbel haben sie geschreinert!

Lustig war auch, dass dieser Mann schon beinahe alles über mich wusste. Er hatte nämlich offensichtlich ausgiebig in meinem Blog gelesen. (Ich schicke die Adresse immer mit, wenn ich mich irgendwo auf einem Hof “bewerbe”.) Da war ich ja baff, weil damit rechnet man ja nicht, dass jemand da wirklich mal reinguckt. Ein ganz Fremder also… Aber inzwischen haben wir uns richtig gut angefreundet und außerdem gemeinsam die “Patenschaft” für diesen lieben Labradorrüden übernommen. Der Schreiner geht immer am Morgen mit ihm raus, und ich nach dem Mittagessen.

Die nächste Überraschung war die Küche, die im Moment mein wichtigster Arbeitsplatz ist, denn die Frau des Bauern ist für zwei Wochen mit der kleinen Tochter zu ihren Eltern gefahren. Einen Tag lang wurde ich in diese Küche eingewiesen – und seitdem wurschtel ich da herum. Warum die Küche eine Überraschung war? Na ja, weil es dort so einen tollen Herd gibt, den man mit Holz heizt! Und als pyromanische Frau Fire Chief war ich sofort davon angetan, jetzt andauernd diesen Ofen heizen zu dürfen – und dann auch noch darauf zu kochen! Es ist gar nicht so schwierig, wie ich zuerst dachte, das Kochen also. Man schiebt die Töpfe einfach auf der großen Platte hin und her, je nachdem wie heiß es sein soll. Sogar einen Schnellkochtopf habe ich darauf schon betrieben. Und auch ein Ofenloch gibt es, wo man Aufläufe machen kann oder Kastanien rösten. Wenn man Kastanien rösten will, muss man ordentlich einheizen. Dann ist es in der Küche fast wie in der Sauna.

Apropos Sauna. Am Freitag waren wir zusammen in der Sauna, der Bauer, der Schreiner und icke. Und – jetzt kommt’s – dafür sind wir bis nach Italien gefahren! Das ist also gleich um die Ecke sozusagen, nicht mal eine halbe Stunde mit dem Auto. In so einer professionellen Sauna-Landschaft war ich ja schon ewig nicht mehr! Jedenfalls nicht, seitdem ich in Schweden wohne. War zur Abwechslung auch gar nicht so schlecht, auch wenn ich doch unsere Sauna am See immer noch viel lieber mag. Vor allem wegen des Publikums.

Außer in der Küche arbeite ich natürlich auch im Stall. Dort gibt es Kühe, Schweine, Ziegen, zwei Pferde und Hühner. Alle haben immer großen Hunger, und alle machen natürlich auch immer schön viel Mist. Ich arbeitet meistens mit diesem In- und Output, während der Bauer die Kühe melkt und andere mehr komplizierte Sachen macht. Melken will ich nicht lernen, denn die Kühe sind mir einfach zu groß, und den Pferdestall miste ich auch nur aus, wenn das große Pferd gerade nicht zu Hause ist. Die Milch hier ist wirklich der Hammer, denn die Kühe bekommen nur gutes Bergwiesenheu zu fressen und die Milch wird auch niemals pasteurisiert, weil wir sie nicht verkaufen, sondern nur selbst verarbeiten.

Ja, und obwohl es gar nicht so viele Kühe sind, wurden doch letzte Woche tatsächlich noch zwei kleine Kälbchen geboren. Das war vielleicht eine schöne Überraschung! Um diese beiden Racker kümmere ich mich natürlich besonders gerne. Sie haben so schöne Augen und ihre Mäuler sind so weich und neugierig. Und wie schnell sie wachsen! Das muss an der guten Milch liegen. Vielleicht wachse ich ja auch noch ein bisschen…

Und über all unserem Alltag, der Arbeit und der Freizeit, trohnen ständig majestätisch diese wundervollen Berge, an denen ich mich einfach nicht sattsehen kann. Immer wieder schauen sie anders aus, je nachdem wie das Licht gerade ist, wie die Wolken ziehen und wie verschneit sie sind. Heute hat es leider den ganzen Tag getaut und der Wald gegenüber ist inzwischen schon wieder grün. Aber die Einheimischen sagen, dass es eigentlich nicht normal ist, dass es im November schon so viel schneit und so kalt ist. Na, mal sehen, wie es sich entwickelt und ob ich auch noch Skilaufen kann.

Mit den Einheimischen habe ich regelmäßig Kontakt, denn immer, wenn ich zusammen mit dem Hund jemanden treffe, dann wissen sie alle sofort, wo ich hingehöre, weil ja jeder hier den Hund kennt. Sprechen die Einheimischen untereinander, dann verstehe ich so gut wie gar nix, aber mit mir geben sich alle immer Mühe. Ich bin also hier wirklich gut gelandet, und dadurch, dass ich in allerlei Hinsicht die Bauersfrau vertreten muss, auch sehr schnell in den Alltag integriert worden. Ja ja, learning by doing! Mittags koche ich immer für fünf Personen, da bin ich also auch bald ein richtiges Küchenwunder. Was ich sonst in der Küche noch alles so mache, das erzähle ich aber ein anderes Mal.

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