Anna in wechselndem Licht

Meine Freundin Cathy war auch mal so eine Art WWOOFerin, vor etlichen Jahren auf einem Landsitz in England, und dort hatte sie sich mit einer Japanerin angefreundet, zu der sie immer noch Kontakt hat. Jetzt ist ihre Freundin gerade wieder mal in Schweden, und weil sie Künstlerin ist, sind wir gestern alle zusammen rausgefahren und haben Kunst konsumiert.

Diesmal war die Kunst nicht in viereckige Räume eingesperrt, wie es meistens der Fall ist (merkwürdig eigentlich), sondern diese Kunst hat ganz viel Platz und die meisten Kunstwerke haben zusätzlich auch noch eine richtig schöne Aussicht. Über allen Skulpturen thront ganz oben Anna – und ich glaube, ich hätte mich niemals so ausführlich mit Anna beschäftigt, wenn man sie irgendwo in ein Museum gesteckt hätte, selbst wenn der Raum nicht viereckig, sondern rund und ganz riesig gewesen wäre.

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Sculpture at Pilane – alle Bilder

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Keri Brückenechse

Heute bin ich aufgewacht, weil es draußen so ein komisches Geräusch gab. Es war Regen! Hatte schon fast vergessen, wie sich das anhört und anfühlt und anriecht… Nach so vielen Wochen mit Trockenheit. Und weil endlich mal nicht die Sonne von einem knallblauen Himmel geschienen hat, habe ich heute frei gemacht. Obwohl, nein, auch weil heute eigentlich Pflücktag war. Aber nun sind wir ja so viele Nesselpflücker…

In Schweden sind seit letzten Samstag Sommerferien, und das merkt man schon ein bisschen. Es sind mehr Familien unterwegs, Muttis und Papis mit ihrer hellblonden Kinderschar. Und die Teenager machen Sommerjobs. Einer mit Zahnspange hat mir an der Landstraße Erdbeeren verkauft: “Was!? Du fährst mit dem Fahrrad von hier nach Stenungsund?” Das war gleich hinter der Brücke zwischen Orust und Mjörn.

Ja, heute wollte ich’s mal wieder wissen und bin einen großen Schlenker über etliche Inseln geradelt. Eine Fähre war in diesem Schlenker mit drin und haufenweise Brücken. Drei davon waren sehr hoch. Oh oh… Zu Åke hatte ich morgens gesagt: “Ich radel nach Stenungsund, Eis essen.” Und das war voll die Wahrheit. In Stenungsund bin ich allerdings erst halb sieben abends angekommen und nicht schon nach gut 2,5 Stunden, wie Google Maps ausgerechnet hatte.

Und weil ich soviel geradelt bin, habe ich gleich zweimal Eis gegessen. Denn das gibt es hier auf dem Hof ja nicht. Immer nur gesund essen, ist auch nicht gesund, finde ich.

Mehrblick

Wir kannten uns noch nicht mal ganz zwei Wochen, der Waldengel und ich, da habe ich ihn in mein Ritual eingeführt, regelmäßig nachzuschauen, ob das Meer noch da ist. Dieses Ritual hat natürlich nicht davon gehandelt, dass ich mir wirklich Sorgen gemacht hätte, es könne plötzlich nicht mehr da sein, das Meer. Eigentlich hat es davon gehandelt, dass sich bestimmte Dinge nicht so leicht abnutzen sollen.

Das besondere Gefühl und die Freude darüber, am Meer zu wohnen, sollten sich also nicht so einfach abnutzen. Denn es ist leicht, schöne Dinge als gegeben hinzunehmen, bloß weil sie immer in der Nähe sind. Das große Meer zum Beispiel. Oder die große Liebe. Und also muss man sich aktiv darum kümmern, bewusst und mit großer Freude, und sich darüber im Klaren sein, dass man privilegiert ist. Weil man das große Meer in der Nähe hat oder die große Liebe. Denn dann hat es die Abnutzung viel, viel schwerer.

Wenn ich mit dem Waldengel irgendwo an der Küste unterwegs war, haben wir das Schöne mit dem großen Meer und der großen Liebe in einem Aufwasch erledigt, sozusagen. Dann war es doppelt schön. Denn obwohl er ein Waldengel war, hat er auch das Meer sehr geliebt. Nach zehn Jahren in Deutschland – als junger Mann – wollte er dann doch wieder nach Schweden zurück, unter anderem, weil ihm das Meer so gefehlt hat. Und unser wirklich allerallerletzter Ausflug zusammen, der ging tatsächlich auch ans Meer.

Gestern habe ich mal wieder nachgesehen, ob das Meer noch da ist. Und zwar nicht nur dort, wo es einfach nur da ist, das Meer, wie in der Heidekrautbucht, wo ich relativ flink mit dem Rad hinkomme. Denn wenn man von hier direkt an die Küste fährt, dann liegt immer irgendeine von diesen riesigen Inseln im Weg und man hat doch nicht dieses besondere Gefühl, am Meer zu sein, weil sich am Horizont immer Land befindet und nicht Wasser.

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Um das offene Meer zu sehen, muss man von hier mit mindestens zwei Bussen fahren und es dauert eine ganze Weile. Ich bin gestern deshalb ziemlich früh aufgestanden und war schon halb neun in einem kleinen Ort auf der großen Insel Tjörn, der Rönnäng heißt, also Vogelbeerbaumwiese oder Ebereschenwiese. Es gibt dort tatsächlich irgendwie besonders viele Vogelbeerbäume. Oder es kam mir nur so vor, weil sie gerade alle blühen.

Diesen Ort und die kleine Insel Klädesholmen, wo mein Lieblingshering herkommt, hatten wir mal zusammen im Herbst 2014 besucht, der Waldengel und ich. Damals haben wir verschiedene Schätze gesucht, aber auch das Meer, die Aussicht und die kleinen hübschen Küstenorte sehr genossen. Und den eingelegten Hering natürlich! Eingelegten Hering mit Pellkartoffeln könnte ich immer noch jeden zweiten Tag essen, wenn es sein müsste, ohne dass es mir über wird. Und dem Waldengel ging es genauso. Denn schließlich gibt es so viele verschiedene leckere Sorten, und jährlich werden es mehr, dass es sich einfach niemals abnutzt.

Gestern bin ich nochmal überall dort herumgewandert, wo wir damals zusammen waren. Denn plötzlich sind es nur noch gut zwei Monate hier auf dem Hof in Svenshögen – und dann werde ich der schwedischen Westküste erstmal für eine ziemlich lange Zeit den Rücken kehren. Und also will ich nun nochmal möglichst viele Stellen aufsuchen, mit denen mich schöne und besondere Erinnerungen verbinden.

Durch die Geschichte mit den Geocaches finde ich sogar an ganz vielen Stellen noch unsere Spuren – auch wenn es sich dabei nur um unsere Nicknames mit Datum in einem Logbuch handelt. Aber für mich ist das irgendwie immer ein besonderer Augenblick. Und also ist es mir zur Zeit gar nicht so wichtig, neue Geocaches zu finden, sondern im Moment macht es mir mehr Freude, Caches noch einmal zu suchen, wo ich mir ziemlich sicher bin, dass dort noch unsere beiden Namen stehen…

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