Fucking Babel!

Wenn man all die Stunden und all die Energie, die dabei draufgeht, Fremdsprachen zu lernen, zusammenfasst und wenn man diese Stunden und diese Energie stattdessen für ganz andere Sachen verwenden würde, Krebsforschung zum Beispiel oder “Mehr Zeit für Kinder” oder einfach nur Relaxing und Wellness… (Gibt’s dafür auch deutsche Wörter? 😉 )

Seit gestern sind wir wieder zwei WWOOFer hier auf dem Hof. Ein junger Mann aus Argentinien ist jetzt – genau wie ich – für etliche Monate hier. Und damit ist das Sprachen-Kuddelmuddel perfekt. Er spricht mit Åke und Tingting Englisch, will aber gerne sein Deutsch verbessern, wobei ich ihm helfen soll. Ich will mein Englisch verbessern, also mische ich Englisch und Deutsch mit ihm und Schwedisch und Englisch mit Åke und Tingting. Tingting will ihr Schwedisch verbessern, dabei helfen ihr Åke und ich. Und eigentlich müsste Åke jetzt Spanisch üben, damit es insgesamt für alle aufgeht. Aber Åke übt kein Spanisch. Dafür haben wir zwei Handwerker aus Holland auf dem Hof, und dann noch den Dänen aus Dänemark. Und da hilft mir auch nicht die alte Weisheit “Dänen lügen nicht”, denn Dänisch ist eine Sprache, mit der ich mich sehr schwertue.

Die Dänen sind geiziger als die Italiener.
Alle Letten stehlen.
Alle Bulgaren riechen schlecht.
Rumänen sind tapferer als Franzosen.
Russen unterschlagen Geld. –
Das ist alles nicht wahr,
wird aber im nächsten Kriege
gedruckt zu lesen sein.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

Confusion_of_Tongues

Die Sprachverwirrung (Bibelillustration von Gustave Doré, 1865)

 

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Es gibt keinen Neuschnee? Aber ja doch!

Auch wenn Tucholsky steif und fest behauptet, es gäbe keinen Neuschnee, und es wäre immer schon einer vor mir dagewesen, und das, was ich fühle und erlebe, hätten schon viele andere vor mir gefühlt und erlebt – so wage ich doch zu behaupten: Natürlich gibt es Neuschnee, richtig unberührten Neuschnee! Und es ist nicht schon immer einer vor mir dagewesen! Und das, was ich fühle und erlebe, ist einzigartig und genau so hat es noch nie jemand vor mir gefühlt und erlebt. Nicht hundertprozentig genau so!

Was ich am besten am Leben auf dem Land finde, ist die Nähe zur Natur. Man geht einfach vor die Tür und ist mittendrin – oder besser gesagt mittendraußen. Man braucht nicht erst in einen Bus oder eine Bahn zu steigen, um lange aus der großen Stadt heraus zu fahren, sondern man zieht sich eine Jacke über und ein Paar Stiefel an – und macht einfach nur die Tür auf.

Gestern bin ich mal wieder an den See hinunter gegangen, und jedes Mal denke ich: Nun müsste er aber langsam mal zufrieren, dieser See, nach so vielen Tagen mit Minusgraden, zum Teil vielen Minusgraden. Aber der Herbst und der Dezember waren so mild, dass dieser lange und tiefe See immer noch davon zehrt und keine Anstalten macht, sich eine Eisdecke zuzulegen. Den Weg hinunter an den See – es ist ein guter halber Kilometer – bin ich nun schon etliche Male gegangen, aber trotzdem war es jedes Mal anders. Das Wetter war anders, das Licht, der Schnee… Mal war Rauhreif, mal war Nebel.

Im Moment ist alles weiß. Sehr weiß. Und der Weg ist beinahe wie ein Tunnel. Kein Laut ist zu hören und man fühlt sich irgendwie sehr weit weg, obwohl man eigentlich gar nicht weit weg ist. Die Schneelast hat die schmalen Birken dazu gebracht, sich tief zu verneigen. Bei einigen schüttele ich den Schnee herunter, aber sie stehen nicht wieder auf. Dazu hat der Schnee wohl schon zu lange draufgelegen. Seit dem großen Schneefall vor vier Tagen müssen sie schon so gestanden haben. Damit ist ihr Schicksal besiegelt.

Aber was mich am meisten erstaunt: Es ist tatsächlich noch keiner vor mir dagewesen! Die ganzen vier Tage nicht! Es gibt also Neuschnee! Und demnach ist das, was ich jetzt gerade fühle und erlebe, das mit den Birken und alles andere, auf jeden Fall einzigartig.