Ick bün all hier!

Letzten Freitag auf dem Weg zur Sauna habe ich im Wald ein Vogelei gefunden. Es hatte die gleiche Farbe wie mein Bademantel – und wir haben sehr gestaunt.

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Verzage nicht, mein Herz!
Das Ei kann Federn kriegen
und aus der engen Schale
empor zum Himmel fliegen.
(Friedrich Rückert)

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Am Tag danach bin ich nach Göteborg gefahren, um dort die Fähre nach Kiel zu nehmen. Inzwischen bin ich in Berlin, und ich weiß noch nicht wie lange. Manchmal nehmen die Dinge plötzlich eine schnelle Wendung, und dann ist es gut, wenn man flexibel ist.

Die letzten Wochen sind irgendwie so schnell vergangen, und ich war kaum am Rechner. Wir hatten so wunderbare WWOOFer auf unserem Hof, und überall war so viel zu tun. Aber nun habe ich doch noch ein Album mit all den Bildern der letzten Wochen zusammengestellt. (Jedes Bild hat einen kleinen Text, der manchmal zu sehen ist und manchmal nicht.)

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Aprilwetter – mitten im Leben (alle Bilder)

Hier in Berlin ist alles voller grüner Bäume, Menschen und Baustellen. Für mich als Landei beinahe ein Kulturschock. Aber dann findet man doch ruhige Oasen in all dem Trubel. Und das ist gut.

Sesshaft im Aufbruch

Und so sitze ich mal wieder im Bus, einem Bus, der mich nach Norden bringt. Das Meer liegt schon seit einer Weile hinter mir, aber draußen ist es immer noch finster. Schlafen mag ich nicht mehr, und so höre ich Musik und lasse die Gedanken wandern…

Es ist die gleiche Platte von Kari Bremnes, die ich auch auf den Ohren hatte, als ich Anfang November mit dem Zug von München in die Alpen reingefahren bin. Und also sehe ich die Berge wieder vor mir – ach, diese Berge – und wie ihre Farben plötzlich von Herbst auf Winter umgeschlagen sind… In mein Notizbuch hatte ich damals diese Zeilen gekritzelt:

“Züge kommen und gehen. Tausend Züge pro Tag. Alle gehen ohne dich. Du kannst sie komplett ignorieren, genau wie sie dich ignorieren. Oder du kannst auf einer Brücke stehen und ihnen hinterhergucken, während das Fernweh in dir nagt…

Doch dann plötzlich, in den Zug Nummer eintausendundeins, da steigst du ein. Und nun rollt die Welt an dir vorbei – tausendmal besser als der beste Dokumentarfilm in HD, denn es ist deine Welt und es sind deine eigenen Augen! Orte, die du bisher nur von der Landkarte oder überhaupt nicht kanntest, die bekommen plötzlich einen Kirchturm, eine Dönerbude, ein Kopfsteinpflaster, eine Dorflinde, eine Frau mit Hund und Kinderwagen, einen vorbildlichen Holzstapel neben einem vorbildlichen Haus.

In den Bergen liegt schon Schnee – und ich kriege eine Art Schüttelfrost aus fiebriger Erwartung. Wo kommt nur das Zigeunerblut in mir her? …”

Im allerletzten Muminbuch, diesem, welches eigentlich schon längst kein richtiges Kinderbuch mehr ist, beginnt das erste Kapitel so:

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Und ein paar Seiten weiter steht:

“Manche bleiben und manche brechen auf, so ist es immer gewesen. Jeder hat die Wahl, muss seine Wahl jedoch zur rechten Zeit treffen und darf sie niemals bereuen.”

Ein anderes Buch, eines, das mir unterm Weihnachtsbaum zugelaufen ist, beginnt auch mit einem Aufbruch:

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Ja, vielleicht bin ich tatsächlich nicht richtig an der Erde befestigt. Aber rastlos bin ich nicht. Dann schon eher sesshaft im Aufbruch. Und nicht mal das herrlichste Märchenschloss kann mich halten!

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Ausgelesenes

“Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass das Leben einem großen Wagenrad mit vielen Speichen gleicht? Jede Speiche ist ein Lebensabschnitt, in dem wir andere Menschen kennenlernen. Doch das wahre Leben ist nicht das am äußeren Ende der Speichen, also an der Radoberfläche, sondern das im Innern, in der Achse vom Rad. Alles Wichtige im Leben geht nach innen…”

Dieses und noch vieles andere hört Landolf Scherzer, während er mit einer alten Kraxe auf dem Rücken durch Osteuropa wandert. Ich lese es, lache, halte inne, denke nach, staune über seinen Mut und seine Unbekümmertheit. Und bin immer wieder betroffen, wie die Konzerne in Mitteleuropa die Arbeitskräfte in diesen Ländern ausnutzen. Mehrmals ist von Monatslöhnen unter 400 Euro die Rede. Gar nichts wusste ich von dieser Gegend, dem Banat und seiner bunten Mischung aus Sprachen und den Völkern, die dort in der Regel friedlich miteinander lebten, bis irgendwelche Machthaber sie gegeneinander aufhetzten…

Landolf Scherzer ist ein wunderbarer Erzähler, ein guter Beobachter, und er hat das Glück, dass ihm die kleinen Leute gern aus ihrem Leben berichten. Er macht sich nichts draus, in den merkwürdigsten Unterkünften oder im Freien zu übernachten, er pflückt Pflaumen und Tomaten am Wegesrand, und er macht Fotos von den Leuten. Ich mag seine Schreibe und die kleinen Bildchen, die vielleicht nur in meinem Reader so klein waren. Aber da mein Bücherregal im Moment nur aus geliehenen eBüchern besteht, bin ich einfach nur froh, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Und froh bin ich auch, dass mir die Onleihe dieses Buch empfohlen hat.

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