Multikulti-Sonntag

Seit einer guten Woche bin ich auch nicht mehr allein in unserem Wwoofer-Haus. Zuerst kam ein Pharao-Jüngling (22) aus Ägypten hier an, und ein paar Tage später ein junger Mexikaner (21). Der eine lang und stark und überaus rede- und sprachbegabt, der andere eher still, aber sehr belesen und vollkommen verrückt nach Skandinavien. Der Pharao ist inzwischen schon wieder abgereist, und also habe ich gestern nur den Mexikaner auf’s Glatteis geführt – ich habe ihn nämlich einfach zum Eislaufen mitgenommen. Das war für ihn das allererste Mal im Leben, und wir hatten zusammen viel Spaß, hihi!

Am Nachmittag war ich gestern zuerst bei Herrn Möwe, habe wie immer für ihn eingekauft und ein bisschen bei der Administration geholfen. Dann sind wir zusammen in ein Restaurant in der Stadt gefahren und haben schwedische Hausmannskost und französischen Nachtisch gegessen sowie französischen Wein getrunken. Hhhmm, lecker!

Danach hatten wir Konzertkarten – für das Freiburger Barockorchester. Dieses exzellente Orchester haben wir schon mehrmals gemeinsam genossen – und es ist immer wieder wunderbar. Gestern standen die Stimme von Matthias Goerne und die Barockoboe von Katharina Arfken im Mittelpunkt. Besonders haben mir das Doppelkonzert von Bach und seine Kantate Ich habe genug gefallen.

20170213-dsc_17042
Monduntergang kurz vor Sonnenaufgang
Advertisements

Buchweizen-Woche

Jetzt bin ich noch nicht mal richtig eine Woche wieder auf meinem Heimathof bei Åke in Svenshögen, aber es fühlt sich an, als wären es schon zwei Wochen gewesen. Hm, wo soll ich mit dem Erzählen anfangen? Vielleicht einfach der Reihe nach.

Die Rückfahrt aus den Skiferien mit dem Bus war wieder sehr entspannt. Diesmal waren wir nur fünf Passagiere. Da gerade die schwedischen Weihnachtsferien zu Ende gingen, war der erste Bus schon voll, und es musste noch ein zweiter eingesetzt werden. Ergo: Man muss nicht immer Erster sein, um es besser zu haben. Diesmal wurden wir, die zum Schluss kamen, viel gemütlicher nach Hause befördert. Und weil es bereits auf der Hinfahrt solchen Spaß gemacht hatte, habe ich mich wieder vorn zum Fahrer gesetzt, um zu reden und Geschichten anzuhören. Er ist schon Rentner und springt nur hin und wieder ein, wenn Not am Mann ist. “Übrigens, wenn du einen Job suchst. In ganz Westschweden fehlen ungefähr 2000 Busfahrer. Wäre das nicht was? Ansonsten, wenn ich nochmal die Wahl hätte, ich würde Klempner werden. Die werden immer gebraucht, weil aufs Klo gehen, das muss schließlich jeder.” Er war wirklich putzig, dieser ältere Herr. “Aber deine kleine Freundin”, meinte er noch, “die sah sehr traurig aus, als ihr euch heute verabschiedet habt. Ach ja, die Liebe… Sie kann so süß sein. Aber manchmal auch grausam…” Da war ich verblüfft.

20170108-dsc_15062
Es brennt. Draußen der Himmel. Und in mir der Abschied…

Bei der Ankunft in Svenshögen bin ich auf dem Weg vom Bahnhof gleich zum Haus von Gert und Akasha abgebogen, denn dort wurde ordentlich Geburtstag gefeiert. Als ich – der Überraschungsgast – dann plötzlich mit dem großem Rucksack und den Skiern hereinschneite, gab es ein großes Hallo und etliche “Endlich bist du wieder da!”, und ich musste viel erzählen: Von meiner Gastfamilie in den Alpen, dem Käse und dem Brot, und von Weihnachten in Deutschland. Da war ich gerührt.

20170108-dsc_1509
Das Geburtstagskind sitzt in der Mitte.

Auf der Feier waren außer den Leuten aus der Umgebung, die ich schon kannte, auch zwei neue Gesichter: eine Englisch-Lehrerin aus Siena und ein Junge aus Gaza. Sie hatten sich irgendwie über Facebook kennengelernt – und es geht etwas sehr Schönes von ihnen aus. Beide sprühen vor Energie und Ideen und sind in unterschiedlichen Zusammenhängen sehr engagiert. Vittoria ist in verschiedenen Hilfsorganisationen tätig und gibt nach der Arbeit noch unentgeltlichen Englisch-Unterricht für Leute mit wenig Geld. Wir haben lange geredet und uns zum Abschied herzlich umarmt. Und Ahmad aus Gaza ist einer von diesen Akrobaten, die in der Stadt an keinem Hindernis vorbeikommen, ohne einen Salto darüber zu machen. Diese Fortbewegungsart heißt Parkour – und Ahmad hat damit in Gaza angefangen, um anderen Jugendlichen Mut zu machen. Jetzt reist er mit Vittoria zusammen durch Europa, um auf die Probleme im Gaza-Streifen aufmerksam zu machen. Da war ich sehr beeindruckt.

20170109-dsc_1511
Gleich am Montag kamen Vittoria und Ahmad zu uns ins Café.

In meinem WWOOFer-Haus war ich die ersten drei Tage der Woche erstmal nicht allein, sondern Åke hatte zum Jahreswechsel ziemlich kurzfristig noch eine Frau aus St. Petersburg zum Freiwilligendienst angeheuert. Svetlana ist um die vierzig und in ihrem normalen Leben ebenfalls Englisch-Lehrerin. Sie hat ungeheuer viel geredet, aber auch viel gefragt, ständig meine englische Aussprache verbessert, aber auch mehrmals gutes Essen gekocht, unter anderem leckere Kascha, und eines Abends plötzlich mit mir Memory gespielt, weil ich die Vogelnamen auf Russisch und Englisch lernen sollte. Zum Schluss haben wir uns gegenseitig noch typische Wintersachen aus unserer jeweiligen Heimat geschenkt. Sie hat mir ein paar dicke Filzstiefel für drinnen dagelassen, und ich habe ihr meine Lovikka-Handschuhe mitgegeben. Das war wie früher beim Schüleraustausch! Da war ich erfreut.

Ansonsten habe ich viel gearbeitet, ja, alles, was jetzt so anliegt: Schnee geschnippt, Feuer gemacht, Brot gebacken, Verwelktes und Verblühtes aus Rabatten und Hochbeeten entfernt sowie Paprika, Chili, Auberginen, Artischocken, Lavendel, Salbei und  verschiedene Zierblumen in Anzuchtschalen gesät, die zuerst in Åkes Büro keimen durften, aber inzwischen schon im rot-blauen Frankenstein-Keller stehen. Und bei all dieser Arbeit habe ich mich sehr zu Hause und richtig gut geerdet gefühlt. Ach, wie schön! Dass am Mittwoch mein “neues Leben” schon seinen ersten Geburtstag gefeiert hat, habe ich dabei gar nicht bedacht. Erst jetzt, wo ich es aufschreibe, kam es mir in den Sinn. Da war ich nachdenklich.

Gestern nach der Arbeit war ich kurz in Göteborg, um noch ein bisschen Küchenkram für meine Bäckerei hier zu kaufen. Außerdem hatte ich noch einen Koffer dort, der nicht mit in die Skiferien gefahren war. Ja, genau der, welchen ich bei der Grenzkontrolle nicht zu öffnen brauchte, hihi. So jetzt ist also alles hier an Ort und Stelle. Und es fühlt sich wirklich gut an. Auf der Rückfahrt aus der großen Stadt hatte es nochmal angefangen zu schneien. Dicke Flocken – und schwups, war wieder alles weiß. Unter der Woche hatte der Schnee nämlich schon mal das Weite gesucht.

Und so war ich dann nach meinem City-Trip etwas später in der Sauna als gewöhnlich. Nur noch wenige Leute waren da, aber das war auch sehr nett. Ich konnte mich ganz ausstrecken und total die Seele baumeln lassen. Habe amüsiert den Gesprächen der anderen zugehört und wäre fast eingeschlafen… Diese Sauna direkt am Wasser mit dem großen Fenster zum See und den kleinen Kerzen ein bisschen überall ist echt magisch! Und wenn draußen dann auch noch der Schneesturm tobt, ist es drinnen unglaublich gemütlich. Schließlich hüpft man wie eine dampfende Pellkartoffel hinaus in die Kälte – und hinein ins eiskalte Wasser. Nichts, aber auch gar nichts ist dann auf der Welt noch wichtig.

Zusammen mit Paula, die an diesem Tag für die Sauna und den Holzofen verantwortlich war, habe ich dann zum Schluss noch schön rumgebummelt, und als wir dann schließlich ins Freie kamen, hatte es aufgehört zu schneien – und der Vollmond guckte aus den Wolken. Da konnte man ganz ohne Taschenlampe durch den Wald gehen, so hell war es, und ich musste an das Buch von dieser Frau denken, die mal in der Arktis überwintert hatte und bei Vollmond in der Polarnacht beinahe verrückt wurde. Das konnte ich mir plötzlich richtig gut vorstellen, denn ich habe für den Rückweg von der Sauna nach Hause mehr als eine Stunde gebraucht. Normalerweise ist es ein Fußweg von fünf Minuten. Da war ich verzaubert.

Warum ich diesen Eintrag “Buchweizen-Woche” genannt habe? Heute gab es in unserem Café nämlich noch eine Premiere: Wir haben frisch gebackene Waffeln serviert – nach meiner Idee und mit meinem Waffeleisen. Ein Rezept für glutenfreie Waffeln hatte ich im Internet gefunden – und dazu Schlagsahne und frische (aufgetaute) Waldbeeren gereicht. Es ist bei den Leuten richtig gut angekommen und so wollen wir das nun jeden Samstag machen. Und vielleicht auch freitags nach der Arbeit. Da war ich froh – und ein bisschen stolz.

Ich will Kühe!

Heute früh hatte ich einen kleinen Muskelkater von der ungewohnten Arbeit im Stall. Und weil ich jetzt immer diese frisch gemolkene Milch trinke – und alles esse, was aus ihr so hergestellt wird – werde ich ganz sicher Probleme kriegen, wenn ich nachher wieder Milchprodukte im Geschäft kaufen muss. Es ist tatsächlich ein richtig großer Unterschied!

Aber mal der Reihe nach. Von den Herbstferien muss ich ja noch ein bisschen was erzählen. Die hatte ich doch bei meiner Tochter und mit meinem Enkel verbracht. Ach, es waren wieder so schöne Tage – und die Zeit verging wie immer viel zu schnell. Hier gibt es allerlei Bilderchen von fröhlichen Aktivitäten und schönen Herbstfarben.

In Berlin war ich diesmal nur auf einen Abstecher, am letzten Sonntag vor meiner Abreise in den Süden. Und eigentlich war es auch gar nicht richtig Berlin, sondern der schöne Stadtrand mit seinen Spazierwegen und den weiten Ausblicken. Die Malchow-Runde haben wir mal wieder gemacht, ja, eine der möglichen Runden, die es dort so gibt. Dabei haben wir neben den nie versiegenden Fotomotiven in der Natur auch einige Kuriosa entdeckt – oder selbst hergestellt:

Am Montag wurde mein großes Kind dann auf einmal 30 Jahre alt. Das hat sich schon ziemlich merkwürdig angefühlt. Kinder, wie die Zeit vergeht! Wir haben in kleiner Runde gefeiert, wobei ich den Schluss nicht mehr ganz mitgekriegt habe… Also, nicht was ihr denkt! Kurz vor Mitternacht ging doch der Nachtbus nach München!

20161107-dsc_0956
Wow! 30 selbst gebackene Hattifnatten zum 30. Geburtstag!

An die Nachtfahrt kann ich mich kaum erinnern, was ja ein gutes Zeichen ist. Manchmal hat es eben auch Vorteile, dass man nicht von so hohem Wuchs ist, hihi. In München habe ich dann “nachhaltig” gefrühstückt – also nur mit Essen aus der Region:

20161108-dsc_09582

Die Fahrt über die Alpen stand ganz im Zeichen von “Wenn der Herbst den Winter küsst – oder ist es anders herum?” Also Herbstfarben mit Puderzucker – ich konnte mich echt nicht sattsehen!

Ja, und nun bin ich für eine Weile hier auf einem ganz anderen Hof, in einer ganz anderen Gegend, wo ich ganz andere Aufgaben habe als in Svenshögen. Auch die Familie ist ganz anders, und der andere WWOOFer ist auch ganz anders. Ich werde von allem und von allen noch ausführlicher berichten. Heute stelle ich euch erstmal meinen neuen Kumpel Mylo vor:

20161110-pb100005

Hundepromenaden – alle Bilder

The house of the rising sun

Nun ist Hochsaison für’s WWOOFing, und wir sind zusammen mehr als ein Dutzend hier auf dem Hof sowie bei Gert und Akasha. Da kommt ein bisschen Ferienlagerstimmung auf, zumal auch im Kurszentrum nebenan gerade viele Leute sind. Sie haben ihre Zelte auf der großen Wiese aufgeschlagen und wir hören bei der Arbeit den ganzen Tag ihre Gesänge. Unser Freund aus Buenos Aires ist bei der aktuellen Zeremonie dabei, und wenn er spät am Abend nach Hause kommt, sieht er ein bisschen mitgenommen, aber auch sehr glücklich aus. Wir haben in der letzten Woche mehrmals über diese Art von Bewusstseinserweiterung diskutiert, und ich habe auch im Internet viel darüber gelesen. Bin aber noch nicht ganz fertig mit meinem Standpunkt dazu…

Dann hatten wir die Idee, einfach mal die anderen WWOOFer in unser großes, neues Haus einzuladen – und gestern war es dann soweit. Zuerst waren wir alle Beeren und Unkraut pflücken, dann haben wir daraus Krümelkuchen gebacken und grüne Smoothies gemixt. Und schließlich saßen wir alle auf dem Fußboden, nachdem auch der letzte Krümelkuchenkrümel das Zeitliche gesegnet hatte, und wir haben Musik gemacht und gesungen. Oh, das war soooo herrlich! Ein Mädel aus Amerika und ein Junge aus Frankreich hatten ihre Gitarren mitgebracht, ein anderer Franzose seine Klarinette und ein Mädel aus Sachsen ihre Stimme. Sie singt nämlich in einer Band. Und wie!

Ich hatte plötzlich eine Mundharmonika in der Hand (sie muss aus dem Mumintal gekommen sein), und Lieder, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie kann, sind einfach so aus einer ganz verstaubten Ecke meiner grauen Zellen herausgepurzelt. Mannomann, es war wirklich ein wunderbarer Abend! Ich habe mich automatisch dreißig Jahre jünger gefühlt, und die Wirkung hält noch an… 😉

Beim nächsten Mal setzen wir uns allerdings bei Gert auf dem Grundstück unten am See ans Lagerfeuer. Dann wird es bestimmt noch besser.